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»Wir fordern die legale Nutzung«

  • Von Elisabeth Heinze
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Lagerhalle hängen Transparente an den Wänden, mehrsprachig ist »Hände weg von Vio.Me« zu lesen. Warenkartons sind auf dem Boden aufgereiht. Jede Kiste trägt das gleiche Logo, auf dem eine Fabrik mit Schornsteinen und einem mächtigen Wasserrad abgebildet ist. Mit Kraft die potentielle Energie der Umwelt nutzen - das soll die griechische Kooperative Vio.Me darstellen.

Mittagssonne knallt auf die besetzte Fabrik am Rande der nordgriechischen Stadt Thessaloniki. Spiros Sgouras, Mitglied der Kooperative, zeigt auf die Palette für Berlin: »Gerade ist die Lieferung für «neues deutschland» verpackt worden.« Nicht nur Deutschland, auch Frankreich, Italien und Spanien beliefert Vio.Me mit seinen Produkten: ökologische Flüssigseife, die beliebte Soli-Seife am Stück und Putz- und Reinigungsmittel für den Haushalt. Auch im Land läuft der Absatz ohne Zwischenhändler, beispielsweise auf antirassistischen Festivals, in den Konsum-Läden der Sozialen Zentren von Thessaloniki und Athen, optimal. Die gelingende Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe im europäischen Solidarnetzwerk haben Vio.Me eine beträchtliche mediale Öffentlichkeit und den Ruf eines Leuchtturms der sozialökonomischen Projekte eingebracht. Gerade entsteht ein weiterer Dokumentarfilm. Dimitris von Vio.Me hat dafür eine Kamera in die Hand bekommen, um die Abläufe »aus der Sicht des Arbeiters« zu dokumentieren. Nichtsdestotrotz, rechtlich gesehen steht das Unternehmen nach wie vor auf wackeligen Beinen.

Vio.Me war einmal eine der drei Tochterfirmen der Filkeram Johnson AG, eines 1961 gegründeten Herstellers für Keramikfliesen. Mit damals 350 Angestellten zählte sie zu den wichtigsten Unternehmen der Region und exportierte in 29 Länder. Das Aus kam mit der Finanzkrise. 2011 meldete die Eigentümerfamilie Filippou Konkurs an. Am Ende zahlten sie und der Repräsentant der britischen Mutter Johnson Tiles weder Löhne noch Steuern und Sozialabgaben.

Danach war es nicht leicht gewesen, »zu entscheiden, wie wir weitermachen«, erinnert sich Spiros. Ein Teil der Belegschaft hatte bereits 2003 einen Betriebsrat gebildet. Diese Erfahrungen gaben den Anstoß, »in den Kampf zu treten«. Schließlich entschieden alle Angestellten, außer die der Geschäftsführung: »Das Wichtigste ist, dass die Fabrik weiter in Betrieb bleibt.« Von einst 60 Arbeiter*innnen blieben 36 hartnäckig, besetzten den Standort und eigneten sich die Produktionsanlagen an. Dank eines Solidaritätsfonds und vieler Soli-Aktionen 2013 standen die nötigen Geldmittel für den Neustart bereit. Weil eine Firmenübernahme eine Übernahme der Schulden bedeutet hätte, gründeten die 17 verbliebenen Arbeiter*innen die Kooperative gleichen Namens, die zunächst die Produktion von Baumaterialien auf ökologische Reinigungsmittel umstellte und diese nun erfolgreich vertreibt.

Im Labor steht eine kleine Küche. Gut gelaunt schnippelt Dimitris im Büro Kartoffeln für das gemeinsame Mittagessen. Hinter ihm läuft der Monitor mit Bildern der Überwachungskamera für das Eingangstor. Spätestens seit der Insolvenzverwalter letztes Jahr versuchte, sich Zutritt zu verschaffen, schieben die 24 Arbeiter*innen Schichten, um das Terrain zu überwachen.

»Es läuft immer besser«, erzählt Dimitris, »wir haben neue Rezepte entwickelt und so unser Sortiment erneuert.« Die flüssige Handseife riecht nun nach Zitrone, Kiefer, Eukalyptus und Minze. Das liegt auch an den zwei Chemikern, die sich wie fünf andere Mitstreiter*innen der Initiative angeschlossen haben. Auch der Baukleber, vor der Pleite eines der Hauptprodukte, wurde wieder verkauft. Noch immer fragen lokale Unternehmen das Produkt an. Doch wegen fehlender ISO-Zertifikate kann der Kleber nicht regulär in den Handel kommen. Das könnte sich ändern, wenn die Produktionsstätte offiziell von der Kooperative genutzt werden dürfte.

Angesichts der vorbildlichen genossenschaftlichen Praxis rückt die Tatsache, dass es sich um eine Besetzung handelt, in den Hintergrund. Eigentümer wollte die Kooperative zwar nie werden, doch »von Anfang an verlangten wir offiziell die Nutzungsrechte«, sagt Spiros. Die Fabrik solle eine Fabrik bleiben, das Eigentum gehöre der gesamten Gesellschaft. Tatsächlich ist Vio.Me lokal bestens eingebettet: Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, ein Zwischenlager für Kleidung für Flüchtlinge und eine Soziale Arztpraxis für Arbeiter*innen aus der Umgebung wurden auf dem Gelände eingerichtet.

Die nächsten drei Versteigerungsrunden beginnen am 25. Oktober und sollen bis zum Dezember laufen. Der Anwalt der Eigentümer versucht das Grundstück als Ganzes zu verkaufen. Das Startgebot von 15 Mio. Euro habe sich indes halbiert. »Das ganze Verfahren verfolgt das Ziel, das Grundstück für fast nichts zu verkaufen«, befürchtet Spiros. Dann würde es womöglich wie so viele andere Grundstücke in der Gegend ungenutzt bleiben. »Wer nicht kämpft, hat schon verloren«, meint hingegen Dimitris. »Selbst wenn sie entscheiden, dass wir keinen Erfolg haben: Wir bleiben und machen weiter.«

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