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»Junge, Du häs gistern schmeiket!«

In Nordrhein-Westfalen schwindet die Mundart

  • Von Ulrike Hofsähs, Köln
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Jüngling wurde nach der ersten Zigarette ertappt. »Junge, Du häs gistern schmeiket!«, sagt ein Mann im örtlichen Dialekt von Bad Sassendorf bei Soest. Jahrzehnte später ist das Malheur eine lustige Anekdote. Der Schmied erzählt auf Platt. 44 Aufnahmen aus 40 Orten ergeben erstmals eine Übersicht der Dialekte aus ganz Nordrhein-Westfalen. Bislang machten Westfalen und Rheinländer mit Blick auf die Mundart eher ihr eigenes Ding.

»Es war die letzte Chance, nochmal die Dialekte von heute für die Ewigkeit zu dokumentieren«, sagt Georg Cornelissen, Sprachforscher beim Landschaftsverband Rheinland. Mit seinem Kollegen Markus Denkler aus Münster von der Kommission für Mundart- und Namenforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hat er Dialektaufnahmen zusammengestellt - jeweils eine aktuelle und eine von früher. »Die Stücke sind so verschieden, niemand kann alles verstehen«, beschreibt Cornelissen.

Jeder Aufnahme wird auf Hochdeutsch eingeleitet. Manche Hörstücke sind auch für geübte Hörer nicht verständlich. Dazu ist NRW einfach zu groß, die Vielfalt der regionalen Klänge ebenso. Das Siegerland im Süden grenzt an Hessen. Die Nähe lässt sich gut heraushören: an einem gerollten »R« und der getragenen Satzmelodie. In Münsterland und Niederrhein wird die Nachbarschaft zu den Niederlanden deutlich.

Jeder Sprachforscher hat eine Lieblingsaufnahme. Bei Denkler ist es die Erzählung eines 85-Jährigen über seine Lehrzeit »nom Kriech« auf der Zeche Waltrop. Der Mann spricht Platt und kein Ruhrgebietsdeutsch. Es wird deutlich, dass er die Sprache in seinem Beruf verwendet hat, etwa wenn er vom »Schrouwentrecker« - einem Schraubenzieher - spricht, den er als Lehrjunge anfertigen musste. Cornelissen gefällt besonders eine Aufnahme aus den 1950er Jahren. Ein 1875 geborener Mann aus Keeken am Niederrhein erzählt. »So spricht kein Mensch mehr«, sagt Cornelissen.

Die Mundarten in NRW sind vielfältig, aber klassische Dialektsprecher gibt es immer weniger. »Denn jeder kommt jeden Tag mit Standarddeutsch in Berührung«, so Thomas Schmidt, Leiter des Archivs für Gesprochenes Deutsch in Mannheim. Aus seinem Bestand stammen die historischen Aufnahmen. Wer Dialekt kann, findet oft keine Gesprächspartner mehr.

Heute wird Mundart gezielt gefördert. Im Regierungsbezirk Münster läuft an sechs Grundschulen ein Schulversuch Niederdeutsch. Früher sei Mundart zugunsten des Hochdeutschen abgewöhnt worden, so Thomas Schmidt. Er ist optimistisch: »Das Prestige von Dialekt gewinnt.« Dialektsprecher könnten mehr als reine Hochdeutschsprecher, sie hätten zwei Muttersprachen. Das Archiv für Gesprochenes Deutsch am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim verfügt über Sprachaufnahmen in einem Umfang von 3500 Stunden. Bis 2021 wird es auf 6000 Stunden wachsen.

Ein Bildungshemmnis sei Dialekt heute nicht mehr, sagt auch Markus Denkler. Mit Hilfe der Sprachaufnahmen aus ganz Nordrhein-Westfalen hofft er, neue Interessierte zu gewinnen. »Wenn das in Schulen Verwendung fände, wäre das ganz toll.« dpa/nd

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