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Virtuos einsam

Ignaz Kirchner

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

In ihm vereinten sich unwirksame Güte und unbefriedigte Bosheit. Ignaz Kirchner war ein Einsamkeitsvirtuose: Es ist die größte Torheit, sich mit Menschen zu verbinden, aber eine noch größere, zu glauben, man könne sich von ihnen lösen. Ignaz Kirchner, einer der Glanz-Barden des Burgtheaters Wien: Mit Gert Voss bildete er über viele tolle Jahre ein faszinierendes Gemeinsamkeitskunstwerk. Shylock und Antonio bei Shakespeare, die Sonny Boys von Neil Simon (in eigener Version), Claire und Solange in Genets »Zofen«, Herr und Diener in Bernhards »Elisabeth II.«. Voss war Othello, Kirchner der Jago. Den spielte er mit geradezu zarter Vergiftungsenergie - als wolle er sich beizeiten für alle künftigen Schläge in dieser einmaligen Spielpartnerschaft rächen. Becketts »Endspiel«: Hamm und Clov, blind der eine, lahm der andere. Auch ein Theatergeschichtsereignis. Kirchner, wie so oft: der Versklavte. Nervgepeinigt, geduckt geduldig, mit introvertiertem Zorn - in ein großes Herz passen viele Beleidigungen.

Der 1946 in Wuppertal Geborene, gelernter Buchhändler, arbeitete mit Zadek, Peymann, Tabori, Grüber, Castorf, Pollesch. Und mit Antú Romero Nunes: Neugier auf Jugend. Kirchners Mutter war lesbisch, der Vater schwul, oft hat er sich gefragt, wieso er eigentlich zur Welt kam. Belastungs-Ahnungen, die ihm zum Motto wurden: »Das Leben ist die Sinngebung des Sinnlosen« (Theodor Lessing). Und so entstand ein Possenreißer im direkten Sinn des Wortes: Wer Probleme hat, ist nicht lustig, aber wer sie überlebt, ist wahrlich ein Narr.

Wer all den Feinen, Fiesen, Filigranen, die Kirchner spielte, folgen wollte, der musste mit hinein in die Unheimlichkeiten brütender Seelen. Unnachahmlich, wie bei ihm alles Ekstatische oder Versunkene einzig in veränderter Lippenstellung aufscheinen konnte. Das Grinsen als Kriegserklärung. Die hängenden Mundwinkel als hochgezogene Zugbrücke. Lange Zeit gab er seinen Soloabend, die »Rede an den kleinen Mann« von Wilhelm Reich. Eine Aufrüttelung gegen den Mitläufer und dessen Blindmärsche unter Arbeiter- und anderen Führern. Den die dreiste Nichtigkeit wie ein Anmaßungsfieber überfällt: Er sei Herrscher der Geschichte. Die politische Katastrophe zu vermeiden, wehrt er ab: Wieso ich? Trifft sie ihn, barmt er: Wieso mich?

In Leander Haußmanns TV-Version von »Kabale und Liebe« gab er den Musikus Miller. Wie er seine Frau ohrfeigt und sogleich umarmt! Eine hektische Ehe-Maschinerie, noch der Sand darin: geölt von Altersliebe. Kirchner spielte den Aufstand seiner bürgerlichen Würde - die ihm aber alle Kraft und die Ordnung aller Gesichtszüge kostet. Schillers Prophetie: Ein Citoyen wird aus dem deutschen Bürger nie; dieser Miller ist immer mutiger, als ihm wohltut.

Die Glatze, der weiße Hut, das geliebte Cafe »Eiles«, die zahlreichen Notizbücher mit Foto-Text-Collagen. Post unterzeichnete er: »der verrückte Ignaz.« Nun ist er gestorben. 72 wurde Ignaz Kirchner, genauso alt wie Gert Voss, der vor vier Jahren starb.

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