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Bei der russischen Jugend

Martin Leidenfrost erlebt auf einer Lesereise eine ratlose Studentengeneration

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

Ich reise durch Russland. Ich mache Halt in Moskau, Wolgograd, Kalmückien, Magnitogorsk, Baschkirien, Nischnij Nowgorod, Jekaterinburg. Ich durchquere Wälder, Äcker, Steppen und schreibe diese Zeilen mit Blick auf herbstlich lichte Birkenwälder. Meine Arbeit besteht darin, Lesungen vor russischen Studierenden zu halten. Das gibt mir einen Eindruck von der russischen Jugend.

Nur einmal stoße ich auf eine offizielle Jugendveranstaltung, in der kalmückischen Hauptstadt Elista, vor der Reihenhaussiedlung »Chess City«. Was mein Taxifahrer für einen »Flashmob« hält, erweist sich als Medaillenverleihung an junge Sportler. Ein Tonband spielt die Stimme von Präsident Putin ein, der »2018 als Jahr der freiwilligen Voluntäre« eröffnet, auf dem Tonband folgt der Partyjubel einer jugendlichen Masse, den die Jugendlichen auf dem Paradeplatz von »Chess City« sogleich kopieren. Unter den Jungen, mit denen ich abends zusammensitze, mag keiner die Regierung. Einige würden gerne emigrieren. Sie sprechen in einem bleiernen Ton von einer bleiernen Zeit. Viele müssen von jung auf hart arbeiten. Eine sagt: »Wir sind alle im Rahmen.«

Meine letzte Russland-Reise liegt sieben Jahre zurück. Seit 2014 gibt es Krieg und Sanktionen, die im russischen Fernsehen verkündete Renationalisierung macht mich neugierig. Ich hielte sie für vernünftig, 2011 bekam man in vielen russischen Lokalen kein russisches Mineralwasser. 2018 kriege ich russisches Wasser, doch im Design, in der Kleidung und in der Hipster-Gastronomie der jungen Leute ist mehr westliche Popkultur denn je. In den Großstädten höre ich oft über mehrere Tage kein einziges russisches Lied. Der Sushi-Trend ist abgeklungen zugunsten pseudobayrischer und pseudotschechischer Bierstuben mit englischer Beschallung. Neuorientierung nach Eurasien? Ein Gerücht.

Ich biete den Studierenden in meinen Lesungen an, aus meinen Expeditionen über das russische Großthema des Jahrzehnts zu lesen - über den Krieg im ostukrainischen Donbass. Ich bin unangenehm überrascht, dass ich feindseliges Schweigen ernte. In Wolgograd flüstert eine weibliche Stimme: »Lieber nicht!« Seither frage ich mein Publikum, was das Problem mit diesem Thema ist. Nur in Moskau antwortet eine Studentin: »Von Journalisten will ich gar nichts mehr darüber lesen. Ich würde nur jemandem glauben, der selbst aus dem Donbass kommt.«

Ich gehe weiter, lese immer weniger vor, suche die Studierenden immer mehr zu Diskussionen zu provozieren. In Magnitogorsk frage ich sie geradeheraus, ob sie mir Glauben schenken, und bleibe schweigend sitzen. Dieses Duell verliere ich. Später sagt ein Student: »Frag, welche Organisation den Reporter schickt, und du weißt, was er schreibt.« Ich darauf: »Mich schickt keine Organisation. Also glauben Sie mir?« Das Schweigen geht weiter.

Die Professorinnen sind anders. Ihre Haltungen zum Krieg sind überraschend unterschiedlich. Eine vertritt das nationale Narrativ, eine andere sagt »Propaganda auf beiden Seiten«, wieder eine andere hat »eine ganz eigene Ansicht, ich habe Verwandte in Charkow, und die genießen das Leben«. Die jüngeren Lehrerinnen konsumieren überhaupt keine Nachrichten. Sie wissen nicht, wer Bürgermeister ihrer Stadt ist und haben von einem Herrn Skripal noch nie gehört. Was ich über die Jahre gekuckt habe, die gut gemachten Fernsehsendungen der Moderatoren Kiseljow und Solowjow, erweist sich als Elitenprogramm für wenige Hochgebildete, für ältere Männer zumeist. Die große Mehrheit hat andere Sorgen. Einige Lehrerinnen sagen, dieser Krieg sei ihr »wunder Punkt«, »zu schmerzhaft, um darüber zu sprechen«. Allein in den Gesichtern der Jungen sehe ich keinen Schmerz. Ich sehe nichts.

Gegen Ende der Lesereise ruft ein Student gequält aus: »Aber Sie lesen Themen für Erwachsene! Wir kennen nicht einmal diese Begriffe.« Ich glaube, er spricht für viele. Unter den Hunderten Studierenden, vor denen ich auftrete, lassen nur einige wenige politisches Interesse erkennen. Eine Studentin ätzt gegen Kiseljow. »Sie ist ein origineller Kopf«, heißt es hinterher im Lehrkörper, »Karriere macht sie natürlich keine.« Ein ungewöhnlich nachdenklicher Student sagt: »Am Beginn des Krieges hatte ich als einen von vielen Gedanken, zum Kämpfen in den Donbass zu gehen. Jetzt nicht mehr.« Die anderen Jungen schweigen. Entweder sie sind gleichgültig. Oder sie haben den Glauben verloren, dass so etwas wie Wahrheit überhaupt existiert.

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