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»Es ist die Liebe, die die Erde zum Drehen bringt«

Guram Dotschanaschwili hat sprachgewaltig ein Stück Weltliteratur geschaffen

  • Von Friedemann Kluge
  • Lesedauer: 3 Min.

»Am Anfang war das Wort.« Der Beginn des Johannes-Evangeliums, der auch Goethes Faust beschäftigte, zieht sich durch das Riesenwerk Dotschanaschwilis, um am Ende an der Oberfläche zu erscheinen. Aber was der Autor auf fast 700 Seiten an Geschichten auftürmt, wie er sie miteinander verknotet, sie ad absurdum führt - das ist doch Kafka und Tolkien und, an den absurdesten Stellen, Ionesco!

Guram Dotschanaschwili: Das erste Gewand. Roman.
A. d. Georg. v. Susanne Kihm u. Nikolos Lomtadse. Hanser, 687 S., geb., 32 €.

Aber nein, was uns hier erstmalig in deutscher Übersetzung vorgelegt wird, das ist purer Dotschanaschwili. Ein Werk, an dem der Autor zwölf lange Jahre gearbeitet hat und das um das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn kreist (Lk. 15, 11-32), dieses aber weit, sehr weit ausschweifen lässt. Das titelgebende Gewand kommt auch bei Lukas vor (V. 22, »Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt das beste Kleid hervor und tut es ihm an ...«).

Dotschanaschwilis Roman-Sohn Domenico, im Buch häufig nur als »der Vagabund« bezeichnet, lässt sich sein Erbteil auszahlen und verlässt sein Vaterhaus, um nacheinander drei sehr unterschiedliche Städte zu bereisen (in denen er sukzessive sein ganzes Geld verliert): Feinstadt, Kamora und Canudos.

Die Feinstädter Häuser sind in Pastelltönen gestrichen, und die Bewohner zeichnen sich durch eine drastisch überzeichnete Höflichkeit aus. Sie leben fröhlich für sich dahin und zeigen an ernsthaften Dingen nur wenig Interesse. Das ist nichts anderes als eine Parabel auf den Unterhaltungskonsum in unserer Gesellschaft, wie ihn in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts Neil Postman in seinem Buch »Wir amüsieren uns zu Tode« beklagte.

Dieses inhaltlose Vor-sich-hin-Leben führt bei Domenico zur Depression, macht ihn thanatophil, und er beschließt, nach Kamora weiterzureisen, wo die Überlebenschancen, wie er erfährt, durch Willkür und brutale Gewalt nur sehr gering sein sollen. Bei dem georgischen Autor ist es gewiss kein Zufall, dass der kamoranische Herrscher, Marschall Bittencourt, bzw. sein Terrorregime an mancherlei Stellen die Züge Stalins trägt. In diesem Land wird nach Herzenslust eingesperrt, gefoltert und gemordet - ein für den Leser manchmal etwas schwer zu ertragendes Kapitel.

Mithilfe eines »guten Geistes« überlebt Domenico und zieht weiter nach Canudos, eine von Kamora-Flüchtigen gegründete Stadt, deren Bewohner frei und selbstbestimmt leben können. Da aber Kamora keine Abtrünnigen akzeptiert, endet die Geschichte im Untergang dieser Stadt und mit der Ermordung und Vertreibung der Canudener. Domenico kommt mit knapper Not (und wiederum seinem »guten Geist«) davon und macht sich reumütig auf den Weg zurück zu seinem Vater.

Durch alle, miteinander geradezu ringenden, Geschichten zieht sich eine Charakterisierung Domenicos, die - wohl eher zufällig - an den »reinen Toren« aus Wagners Oper »Parsifal« erinnert. Die wichtigste Erkenntnis dieses gleichsam moralphilosophischen Werkes ist in einem einzigen Satz zusammengefasst: »Es ist die Liebe, die die Erde zum Drehen bringt.« Ein Buch, das mit erhobener Stimme von Freiheit spricht und eindrücklich um Menschlichkeit wirbt.

Ein großes Lob den beiden Übersetzern Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse, deren ausgezeichnete Übertragungs-Arbeit fast so viel Zeit in Anspruch nahm, wie das Schreiben des Romans selbst.

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