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Wie der Entenfuß Weimar eroberte

Thüringen: Seit Goethe gilt der seltsame Ginkgobaum als Sinnbild für Liebe und Freundschaft - heute gibt es in der Stadt an der Ilm eine ganze Allee davon

  • Von Steffi Schweizer, Weimar
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wer jetzt im Herbst ein grüngelbes Ginkgoblatt liegen sieht, wird sich möglicherweise bücken, es aufheben und zwischen zwei Buchseiten pressen. Ginkgoblätter sollen Glück bringen. Und seit der damals 66-jährige Johann Wolfgang von Goethe als Zeichen der Zuneigung seiner Herzensdame ein gepresstes Ginkgoblatt und sein Gedicht vom »Ginkgo Biloba« schickte, gilt der Baum als Sinnbild für Liebe und Freundschaft. Heute kann man in Weimar, der thüringischen Klassikerstadt, stolz auf zahlreiche Ginkgos verweisen. Der älteste steht an der Musikhochschule »Franz Liszt«: rund 200 Jahre alt und etwa 20 Meter hoch. Er kam vermutlich 1825 als zehnjähriges Stämmchen aus einer Baumschule.

»Er wurde neben das Fürstenhaus gepflanzt, an einen exponierten Standort im Schlossbezirk. Nicht durch Goethe selbst, doch Goethe hat diesen Ginkgo erlebt«, sagt Angelika Schneider. Sie ist für das Erscheinungsbild der Parkanlagen Weimars zuständig und schaut, wo aus historischer Sicht Ginkgos hingehören. »Dort pflegen wir sie und tun alles, um verlorene Exemplare zu ersetzen. In Deutschland ist der Ginkgo zu einem wichtigen Parkbaum geworden, der in Kombination mit dunklen immergrünen Gehölzen eine attraktive Farbwirkung erzielt, besonders im Herbst«, schwärmt die Landschaftsarchitektin.

Manche behaupten, der Ginkgo sei die älteste Baumart der Erde. Sicher aber ist, dass er in Europa wegen der Eiszeit ausgestorben war und nur in China überlebte. Von Asien aus gelangten die ersten Ginkgopflanzen im 18. Jahrhundert wieder nach Europa. Der sonderbare Zierbaum, der weder zu den Laub- noch zu den Nadelgehölzen zählt, war in den Landschafts- und Schlossgärten sehr willkommen.

Die besondere Beziehung zwischen dem Ginkgo und der Stadt Weimar nahm 1784 ihren Anfang. In jenem Jahr kam aus dem Botanischen Garten in London eine erste Lieferung für den Herzoglichen Park, der heute den Namen Park an der Ilm trägt. Wo genau diese Stämmchen ihre Wurzeln in die Erde trieben, ist unbekannt. Auch die Dokumentation der Lieferungen, die zwischen 1815 und 1825 folgten, ist lückenhaft. In jüngerer Vergangenheit, zunächst Mitte der 1970er und dann Anfang der 1990er Jahre, kamen jedoch weitere Exemplare hinzu, deren Standorte akribisch verzeichnet sind. Im Jahr 2002 entstand sogar eine Allee mit 33 Bäumchen. Bis sich aber dort rauschende Kronen zu einem grünen Dach vereinen, werden noch Jahrzehnte vergehen. Denn Ginkgos wachsen äußerst langsam.

Auf Japanisch heißt der Baum Itchou, zu deutsch: Entenfuß, erklärt die japanische Musikstudentin Mai Shinada. Bei ihr zu Hause ist er allgegenwärtig: auf Straßen, in Wäldern, neben Schulen und an Sportplätzen. »Wir wachsen mit Ginkgos auf. Sie sind einfach schön, mit Blättern in origineller Form. Als ich hier in Weimar ankam, fühlte ich mich nicht mehr allein, sie sind ein Stück Heimat.«

Dass der Ginkgo in der Stadt diese enorme Aufmerksamkeit genießt, verdankt er auch Heinrich-Georg Becker und seiner Frau Stefanie, die seit der Jahrtausendwende zwischen Rathaus und Goethes Wohnhaus einen Shop im Zeichen des geteilten Blattes betreiben. Das angeschlossene Museum informiert darüber, dass es der Arzt und Forschungsreisende Engelbert Kaempfer aus Lemgo war, der um 1690 in Japan als erster Deutscher die medizinischen Wirkungen des Ginkgos beobachtete. Als er sah, dass die Menschen junge Blätter pflückten und die Rinde wie Pflaster auf eitrige Wunden legten, sammelte er herabfallende Samen in seiner Hosentasche. Heute sind die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Ginkgos bei Tinnitus und geistigen Leistungseinbußen im Alter gut erforscht. Auf seinen Asienreisen erfuhr Becker auch, dass der Baum ein Symbol für Stärke und Hoffnung ist. »In Hiroshima stand ein Baum unweit des Abwurfzen-trums der Atombombe, die 1945 explodierte«, berichtet Becker. »Im darauf folgenden Frühjahr geschah das Undenkbare: aus dem verbrannten, gespaltenen Stumpf trieb neues Grün. Heute ist er zehn Meter hoch. Er lebt!«

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