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Bitte nicht durchgreifen!

Im Kino: Der Dokumentarfilm »Elternschule« zeigt Kinder und Eltern auf der Suche nach einem sicheren Miteinander

  • Von Jasper Nicolaisen
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kinder, die nicht essen wollen, nicht dauerhaft schlafen, die sich um keinen Preis von den Eltern trennen wollen oder bei kleinsten Anlässen mit übersteigerter Wut reagieren. Eltern, die selbst kaum noch Schlaf bekommen, das eigene Leben so gut wie aufgeben, in Dauerstress und Hilflosigkeit versinken und sich am Ende fragen, ob sie das Kind überhaupt großziehen können.

In einer psychosomatischen Klinik in Gelsenkirchen bietet hier die »Elternschule« Hilfe an. Wie der Name der Einrichtung schon sagt, soll hier die Perspektive auf das Miteinander von Eltern und Kindern gelegt werden. Weder sind die Kinder unheilbar krank, noch leiden sie unter Rabeneltern, die sie einfach nur vernachlässigen. Es ist das System aus Reaktion und Gegenreaktion beider Parteien, das nicht ins Gleichgewicht kommt und so eine für alle unhaltbare Situation erzeugt.

Die Dokumentation verzichtet vollkommen auf eine Einbettung des Gezeigten durch Kommentierung oder Adressierung des Zuschauers. Auch die Vorgeschichte der teilnehmenden Familien und das Leben außerhalb der Klinik wird nur so weit thematisiert, wie es in den gefilmten Therapieeinheiten zur Sprache kommt. Dadurch bekommt der Film »Elternschule« eine große Unmittelbarkeit. Es ist quälend, mit anzusehen, wie Kinder sich in ihrem extremen Verhalten abmühen. Und ebenso quälend ist die spürbare Not der Eltern. Auch Therapieerfolge - eine durchgeschlafene Nacht oder die endlich geglückte und von beiden Seiten gestattete Trennung von Eltern und Kind - wirken so besonders beglückend.

Andererseits hat dieser völlige Verzicht auf irgendeine Kommentierung oder sonstige Begleitung des zu Sehenden für die Zuschauenden seine Tücken. Durch die Inszenierung des Wechselspiels aus Expertenvortrag einerseits und Interaktion in der Therapie andererseits besteht die Gefahr, dass bei der wortreichen Thematisierung von »Grenzen« und »Autorität« doch wieder nur der oft gehörte Ruf nach »Durchgreifen« seitens der Eltern hängenbleibt, die eben ihre Führungsschwäche loswerden müssten. In der therapeutischen Interaktion hingegen zeigt sich oft ein sehr einfühlsamer Umgang, der darauf ausgerichtet ist, die Eltern vor allem die eigenen Grenzen wieder spüren zu lassen.

Nicht zuletzt reflektiert der Film Familienbilder und Geschlechterrollen leider überhaupt nicht. Fast ausnahmslos männliche Experten mit akademischer Bildung erklären hier ausnahmslos überforderten Müttern (Väter tauchen keine auf), wie man wissenschaftlich korrekt erzieht. Mit diesem Expertenwissen erscheinen dann endlich alle Kinder und Eltern auf objektiv erfassbare Grundmuster reduzierbar. Das wird kaum die Absicht des gezeigten Personals sein. Es ist wohl eher eine Schieflage in der filmischen Inszenierung. Da aber Mütter, die sich nicht als kompetent erleben, Therapeuten, die keine Einzelfälle mehr kennen, und Väter, die keinen Weg in die Familie finden (wollen), durchaus ein Teil des Problems sein dürften, wäre es schön gewesen, wenn »Elternschule« hier etwas kritischer gewesen wäre.

Dennoch bleibt der Film am Ende eine Dokumentation mit beeindruckenden Eltern und Kindern, die auf der Suche nach Lösungen sind und deren Mut, sich für einen Film derart verletzlich zu zeigen, man nur bewundern kann.

»Elternschule«, Deutschland 2018. Regie/Buch: Jörg Adolph, Ralf Bücheler. 112 Min.

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