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Das Lachen der Welt

Seit mindestens 600 Jahren leben Sinti und Roma in Europa, ausgegrenzt werden sie noch immer

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Die heutige Welt ist derart aus den Fugen, dass auch das Stigma der Roma keine Grenzen kennt. Keine Staatlichkeit hilft dieser am Rand darbenden, umzäunten, gejagten Volksgruppe ernsthaft. Aus den Untaten der Nazis gegen die »Zigeuner«, die zu Hunderttausenden aus rassischen Gründen umgebracht wurden, ist nicht wirklich gelernt worden. Zahllose Beispiele belegen es. In der Slowakei leben Roma (und Sinti) in Ghettos. Viele Roma vom Balkan machen sich nach Westen auf, weil sie zu Hause wie räudige Hunde behandelt werden. Katastrophal die Situation in Frankreich und Ungarn. Frankreichs Behörden werfen Tausende Roma wegen »Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« aus ihren Behausungen. Wo sollen die hin? Nicht anders der ungarische reaktionäre Klüngel in seinem Hass aufs Fremde. Vor zehn Jahren machten ungarische Neonazis ernst und bedrohten nicht nur Roma, sondern riefen nach Mord. In der Nacht zum 21. Juli 2008 starben sechs Menschen, darunter ein fünfjähriges Kind.

Schon früher wurden die Roma abgelehnt und diskriminiert, vom gemeinen Volk wie von staatlichen Behörden, welche die Lunten legen. Freunde hatte und hat dieses Volk, das seit mindestens 600 Jahren in Europa lebt, wenige. Zu ihnen zählte der große spanische Dichter Federico García Lorca. Der schrieb einst: »Ich glaube, dass ich durch die Tatsache, aus Granada zu sein, den Hang zum mitfühlenden Verständnis für die Verfolgten habe. Für den Zigeuner, den Neger, den Juden, den Morisken, die wir alle in uns tragen.«

Zu den Freunden der Roma zählt auch die Fotografin Christine Turnhauser. Ihr Buch »Die Würde der Roma« zeigt fast auf jeder Seite Gesichter. Beria, die Achtzigjährige aus Transnistrien, überlebte die Shoah. Ihr rundes, gegerbtes Antlitz schmücken lang herunterhängende Zöpfe von einer Schwärze, als gehörten sie einem jungen Mädchen. So ledern ihre Hände, so uralt ihr Stock. Sie lebt, wenn sie nicht inzwischen gestorben ist, im rumänischen Sibiu. Ihre Familie ist wie die der meisten Roma groß und so wenig von Elend und Stigma verschont wie von fortdauernden Angriffen auf ihre Würde. Noch die fröhlichen Augen lassen erkennen, dass über sie ein Schatten geht.

Das Lachen vergeht einem, schaut man jenseits dieser humanen Bilder auf die Entmenschlichung der Welt. Erst hierdurch wird die neuerlich grassierende Verfolgung wider die Roma und anderer Unschuldiger verständlich. Keine Region der Welt ist mehr sicher, keine Ethnie und Minderheit gefeit vor Drangsal, Ausgrenzung und Mord. Die natürliche wie humane Umwelt gerät immer mehr unter neoliberalen Beschlag und ächzt vor Schmerzen. Kriege um Ressourcen und geostrategische Territorien zeitigen schlimmste Folgen. Das Antlitz der Welt wird in einem Maße beschädigt, wie es der Bürger sich bisher nicht vorzustellen vermochte.

Christine Turnauers umfänglicher Foto-Text-Band hält dagegen eindringlich die tiefe Menschlichkeit fest. Einige Aufnahmen entstanden 2015/16 in von Roma bewohnten Regionen Indiens, von wo aus ihre Vorfahren vor tausend Jahren nach Europa wanderten. Die Fotos versinnlichen Lebensverhältnisse. Viele der Roma, Männer wie Frauen, fühlen sich noch alten Handwerken verpflichtet, sie schmieden, flechten Körbe, schneidern, tischlern, bauen traditionelle Musikinstrumente. Die neuen Technologien verheißen nichts Gutes für sie. Ihre Anwendung vernichtet vielfach ihre traditionelle Arbeit, wodurch sie noch mehr in minderqualifizierte Tätigkeiten abgleiten.

Den Band charakterisieren allenthalben die leisen Aufnahmen. Beispiel: »Der Mann mit den grünen Augen«. Das Foto zeigt ihn mit Basecap und Unterhemd, die Finger ineinander verklammert. Er quält sich ein Lachen heraus vor schmutziger Kulisse. Lauter, erregter im Bild die große Familie aus dem rumänischen Cluj, Frau, Mann und vier Kinder. Alle, außer der Jüngste, lachen, jeder auf seine Weise. Ein ergreifendes Kontinuum menschlicher Freude trotz Elend und Gefährdung. Über den Band verstreut selbstredend Halbwüchsige, Kinder. Inmitten ihrer Familien oder in kleinen Gruppen und allein. Das Baby an der Brust der Mutter fehlt nicht. Drei Jungs drängen sich zwischen Holzstangen in einer »sehr armen Roma-Siedlung« in Siebenbürgen (Rumänien). Sie schauen ernst, listig. Immer wieder Kinder. Die einen posieren lustig vor der Kamera, andere reißen die Augen auf, gucken frech und verschmitzt, wieder andere scheinen unter den Brauen ungläubig und traurig. Junge Burschen hantieren mit Trommeln und Holzflöten. Zwei ausgewachsene Kosovaren musizieren auf dem Akkordeon und dem Saxophon. Milu, 40 Jahre, kaum Zähne im Mund, Mann aus Siebenbürgern, tobt mit seinen drei Söhnen vor der Linse.

Kein Unrecht, dass nicht auch in den Zusammenhang der Welt gehörte. Das Romakind ist mit dem palästinensischen, afghanischen, schwarzafrikanischen Kind aufs engste verwandt. In Afghanistan wird eine Schule in die Luft gesprengt, weil dort - wider die religiöse Norm - Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet wurden. Afrikaner, halbwüchsig, von Elend gezeichnet, ihren in Blechhütten hausenden Familien verbunden, die Brot und Arznei brauchen, ertrinken auf der Flucht, und Staaten verbieten es den Rettungsbooten, die Überlebenden an Land zu bringen. Rufe der Empörung werden lauter, besonders unter der Jugend, was die Macht der Medien nicht hindert, die Menschen an noch Schlimmeres zu gewöhnen. Erinnert sei an den Fall des Duisburger Oberbürgermeisters, der vor einiger Zeit für helle Aufregung sorgte. Er müsse sich, so sein Klagelied, mit Menschen beschäftigen, »die ganze Straßenzüge vermüllen und das Rattenproblem verschärfen«. Das Analogon zum NS-Film »Jud Süß«, der Juden mit Ratten in Verbindung setzt, ist offenkundig. Den eingereisten Roma aus Rumänien und Bulgarien wird die Schuld an der Vermüllung der Städte gegeben. In Wahrheit ist die Volksgruppe dort ihres Lebens nicht mehr sicher.

Christine Turnauer: Die Würde der Roma, Hatje Cantz, geb., 273 S., 68 €.

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