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Aus Thälmanns Schatten

Die Gedenkstätte Bautzen erinnert endlich auch an Haftschicksale während der NS-Diktatur

  • Von Hendrik Lasch, Bautzen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Torhaus von Bautzen I im Jahr 1935: In diesem Komplex hielt das NS-Regime vornehmlich politische Gegner gefangen. Abbildung: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden
Das Torhaus von Bautzen I im Jahr 1935: In diesem Komplex hielt das NS-Regime vornehmlich politische Gegner gefangen. Abbildung: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden

Rudolf Hemprich saß zweimal im Gefängnis in Bautzen ein. Die erste Haftstrafe trug dem Elektriker die Tatsache ein, dass er die britische BBC gehört hatte. In einer Zeit, in der das NS-Regime ganz Europa mit Krieg überzog, galt das als schweres Vergehen. Hemprich wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Ende des Krieges wurde er daher als Opfer des Faschismus anerkannt. Den Status ebenso wie seine Arbeitsstelle bei der Stadt Zittau verlor er freilich, als herauskam, dass er Mitglied in SA und NSDAP war, bevor er 1935 aus beiden herausflog. Der Elektriker schrieb böse Beschwerdebriefe, die ihm sechs Monate Haft wegen Beleidigung eintrugen. Er verbüßte sie ab 1952 - in der Haftanstalt Bautzen II.

Als Haftort ist die Stadt in der Lausitz weithin bekannt. Wenn indes vom »Gelben Elend« die Rede ist, der wegen der Farbe ihrer Backsteinmauern so genannten Haftanstalt Bautzen I, sowie dem zeitweiligen »Stasi-Knast« Bautzen II, dann geht es um die Zeit der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Bautzen stehe »wie keine andere Stadt in Deutschland (...) in der öffentlichen Wahrnehmung als Synonym für die Verfolgung Andersdenkender vor allem in der DDR«, sagt Sachsens Kunst- und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD). Kaum bekannt ist, dass beide der zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten und zunächst reformorientiert betriebenen Anstalten auch in der NS-Diktatur dazu dienten, politische Gegner und andere Missliebige zu drangsalieren und schikanieren. Ein entsprechender Abschnitt in der Dauerausstellung war seit Langem in Aussicht gestellt, ließ aber auf sich warten. Zuletzt wurden Termine für die Eröffnung mehrfach verschoben. Unter anderem sei der Forschungsaufwand »überraschend hoch« gewesen, auch weil es keine Zeitzeugen mehr gebe, begründete Stange die Verzögerung. Kritiker hatten diese immer wieder als Beleg für eine unausgewogene Erinnerungspolitik in Sachsen herangezogen.

Seit einigen Wochen aber ist die Dauerausstellung um ein neues Kapitel ergänzt: »Haft unterm Hakenkreuz. Bautzen I und Bautzen II 1933 bis 1945«. In zwei benachbarten Räumen wird anhand von rund 30 Einzelschicksalen über Opfer und Täter informiert und die Rolle der Bautzener Anstalten wie von Gefängnissen generell im NS-Staat erklärt. Es geht um Zwangsarbeit und Todesmärsche, Kontinuitäten und Brüche und nicht zuletzt um ein eher einseitiges Erinnern auch in den Jahren der DDR.

Damals wurde vor allem an zwei prominente Insassen der Gefängnisse in Bautzen erinnert: Ernst Thälmann und Julius Fučik. Der KPD-Führer saß 1943/44 als Schutzhäftling in strikter Einzelhaft in Bautzen, bevor er in das KZ Buchenwald überstellt und ermordet wurde; der tschechoslowakische Autor kam im Mai 1943 aus dem Prager Gefängnis Pankrác, wo er seine »Reportage unter dem Strang geschrieben« verfasst hatte, für drei Monate nach Bautzen, bevor er am 8. September 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet wurde. An Fučik erinnert eine 1979 angebrachte Porträtplakette im Eingangsbereich von Bautzen II, an Thälmann ein seit 1952 bestehender Gedenkort in seiner einstigen Zelle in Bautzen I, der auch in der dort heute befindlichen Justizvollzugsanstalt weiter besteht.

Gedenkstättenleiterin Silke Klewin zeigt die Haftakte von Julius Bändel. Vorgeworfen wurde ihm die »Nichtanmeldung des jüdischen Zusatznamens«.
Gedenkstättenleiterin Silke Klewin zeigt die Haftakte von Julius Bändel. Vorgeworfen wurde ihm die »Nichtanmeldung des jüdischen Zusatznamens«.

Nicht erinnert wurde bis jetzt dagegen an Menschen wie Fučiks Landsfrau Milada Marešová, eine Künstlerin, die nach der Besetzung ihres Heimatlandes Titelblätter für eine Untergrundzeitschrift gestaltete und dafür inhaftiert wurde. Sie zeichnete den Gefängnisalltag auch in Bautzen. Vergessen waren Menschen wie der Bibliothekar Peter Heinze, der 1937 wegen »widernatürlicher Unzucht« verurteilt und in Bautzen inhaftiert wurde, nachdem er als »Schwulbruder« erpresst worden war. Nur in der Region bekannt sein dürfte der sorbische Künstler Martin Neumann, der ins Gefängnis kam, nachdem er in einem Beitrag für die Zeitung »Serbske Nowiny« die deutsche Sprache mit dem Quaken von Teichfröschen verglichen hatte und dem die Nazis daraufhin »Tschechophilie und antideutsche Gesinnung« vorwarfen. Sein Artikel diente als Vorwand, um die Zeitung für acht Tage zu schließen.

Die neue Ausstellung schildert anhand von Fotografien, Briefen und amtlichen Dokumenten diese und weitere Schicksale. Zu sehen sind auch Objekte wie ein in einem Außenlager in Zwangsarbeit hergestellter Elektroapparat. Die Schau schließt aber nicht nur eine gravierende Lücke in der Geschichtsschreibung für die Haftanstalten, sondern holt weitere NS-Opfer und Opfergruppen gewissermaßen auch aus Thälmanns Schatten. Zu wünschen wäre der ansprechend gestalteten Schau, dass ihr nun auch die verdiente Aufmerksamkeit zukommt. An einem Oktobertag drei Wochen nach Eröffnung lotste ein Ausstellungsführer seine Gäste an dem Raum indes vorbei, weil dafür leider die Zeit fehle. Nur so viel erfuhren sie: Der prominenteste NS-Häftling in Bautzen war Ernst Thälmann. Alle anderen Opfer blieben im Schatten.

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