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Guten Übermorgen!

Einfach wursten: Das war die 70. Buchmesse in Frankfurt am Main

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 6 Min.

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Am liebsten würde man zu Hause auf dem Sofa liegen und ein Buch lesen. Auf der Buchmesse wird nicht gelesen, dafür ist es viel zu heiß. »Entweder schwitzt man oder man wird angeschwitzt«, sagt Jörg Sundermeier, der Verleger des Verbrecher-Verlags. Sein Jackett muss man sich runterreißen wie Superman in der Telefonzelle, sonst kann man nicht weitermachen. Oder man verpackt sich vollständig in Plastik, um als Cosplayer unterwegs zu sein. Am besten auf dem riesigen Hof der Buchmesse, wo es noch heißer ist, im Spätestsommer mitten im Oktober. Da läuft man zwischen der Senfpumpe am Wurstimbiss und dem Crêpe-Stand mit ARD-Fahne, der ein hübsches Motto hat: »Heute mach ich was für Bauch, Beine und Po: Crêpes mit Nutella«.

Dieser kontrafaktische Humor ist typisch für die 70. Buchmesse in Frankfurt. Dietrich zu Klampen vom gleichnamigen Verlag meint: »Das gehobene Sachbuch verkauft sich schlecht«. Kalender sind dagegen der Renner am Wochenende, an den sogenannten Publikumstagen. Das ist also mal ein Printprodukt, das nicht in seiner Existenz gefährdet ist. »Guten Übermorgen« steht auch auf den offiziellen Plakaten der Frankfurter Messe. Monika Grütters, die Kulturbeauftragte der Bundesregierung von der CDU, schlendert über die Messe und verspricht den schwächelnden Verlagen eine Million Euro Förderung. Klingt nach viel, ist aber wenig. In Österreich und in der Schweiz werden Bücher längst vom Staat subventioniert.

Hierzulande freuen sich Verlage auch über eine kostenlose Viertelseiten-Anzeige im »Freitag«, einen Aufenthalt im Tessin oder einen Gratis-Stand auf der Frankfurter oder der Leipziger Messe. Das sind die Preise für die »Hotlist der unabhängigen Verlage«, deren Vergabe eine Party auf der Messe ist. Tatsächlich wird vom ersten Lied an getanzt - das passiert äußerst selten. Das Lied ist »Le Freak« von Chic, ein Klassiker. Vorher geht der Hauptpreis der Hotlist (5000 Euro) an den Berliner Elfenbein-Verlag für »Manapouri« von Marcel Schwob. Ursprünglich sollte es eine Biographie über den französischen Schriftsteller (1867-1905) werden, doch dann war dessen Bericht über eine beschwerliche Südseereise eindrucksvoller: Schwob möchte in Samoa das Grab von Robert Louis Stevenson (»Die Schatzinsel«) besuchen und kommt dabei fast um.

Ein Druckkostenzuschuss über 4000 Euro, sozusagen der zweite Preis der Buch-Indies, bekommt der Verbrecher-Verlag, für den Roman »Nichts, was uns passiert« von Bettina Wilpert, die daraus auch an den Ständen von »nd« und der Rosa Luxemburg Stiftung vorgetragen hat. Handlung: Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas meint, es sei einvernehmlicher Sex gewesen. Als das Manuskript fertig war, begann die »MeToo«-Debatte, sagt Wilpert. Kristine Listau von Verbrecher findet das Buch hervorragend, »nicht weil es die Einzelnen anklagt, sondern die Gesellschaft«.

Als Gesellschaft versucht sich auch Georgien, das Gastland der diesjährigen Messe, zu präsentieren. Ästhetizistisch-mystisch, so wie man es halt so macht, wenn es unpolitisch sein soll. In einer Halle gibt es das georgische Alphabet in formschön gewundenen Holzbauten mit eingelassenen Kurzinfos über Schriftsteller. Und einen »Hub of Emotions« in einer Ecke, in der Töne zu hören sind, die aus dem georgischen Alphabet gesampelt und bearbeitet wurden, sie sollen durch die Bewegungen der Besucher verändert werden. Es brummt und summt, ohne dass das irgendjemanden kratzt. Wo ist eigentlich Stalin, der berühmteste Georgier? An dessen Tod 1953 erinnert sich der »Tauwetter«-Dichter Besik Kharanauli, Jahrgang 1939, von dem gerade im Verlag J & D Dagyeli ein Gedichtband erschienen ist: »Auch die Gänse auf der Wiese sollten traurig ein. Ich bin nur in einen Laden gegangen und habe eine Zigarette geraucht«.

Viel Pathos wird auch bei der Verkündung des Literaturnobelpreises erwartet. Der Termin fällt traditionell in die Zeit der Messe, doch für 2018 wurde der Preis abgesagt, da die Schwedische Akademie moralisch bankrott ist. Ersatzweise verleiht eine »New Academy« aus Stockholm einen »Alternativen Literaturnobelpreis« und zwar an Maryse Condé aus Guadeloupe, deren Bücher u.a. im Züricher Unionsverlag erschienen sind.

Abgemeldeter als sonst sind dieses Jahr auch die rechten Verlage. »Junge Freiheit«, Manuscriptum und die Zeitschrift »Tumult« wurden von der Messe in einer Sackgasse isoliert. Nach der »Jungen Freiheit« geht es nicht weiter. Als Björn Höcke kommt, stellt die Polizei die Rolltreppen und Aufzüge für diesen Bereich ab. Das ist früher nicht passiert, als Helmut Kohl noch durch die Messe walzte. Doch der AfD-Politiker betritt die Halle durch die Hintertür und liest aus einem Interviewband, der bei Manuscriptum erschienen ist. Einzig Martin Sonneborn von Die Partei will sich ihm in den Weg stellen, in Nazi-Uniform verkleidet als Graf von Stauffenberg, der Hitlerattentäter von 1944. Doch Sonneborn wird nicht eingelassen, viele Journalisten übrigens auch nicht.

Bestürzender ist allerdings, dass die Rechten nun ebenfalls als Spaßguerilla auftreten. Auf der Messe reüssiert Götz Kubitschek mit Dadaismus von rechts. Weil er mit seinem Antaios-Verlag nicht in die langweilige Sackgasse der rechten Medien gesteckt werden wollte, ist er mit einem neuen Verlag aufgetaucht - schräg gegenüber von der »taz« und der Lesebühne der unabhängigen Verlage. Der Verlag heißt »Loci« und gehört offiziell einem Zahnarzt und AfD-Mitglied. Präsentiert werden vier Bücher, die angeblich demnächst erscheinen sollen, für einen Preis von 19 Euro 18 mit jeweils 124 Seiten. Ein Zahlenscherz: Am 12.4.1918 wurde in Berlin das »Dadaistische Manifest« von Richard Huelsenbeck verlesen, »verbissen in den Intellekt der Zeit, blutend an Händen und Herzen«, wie es darin hieß. Zu den »Loci«-Dummys gehört auch eine »Homestory« über Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza, Untertitel: »Selbstinszenierung als Strategie« - die beherrschen die beiden wie sonst kaum jemand von den Rechten.

Solcherlei Rechtsdadaismus ist neu. Doch die rechtsradikalen Traditionalisten werden weiterhin bedient, etwa wenn der Rechtskatholizismus vom Ludwig Stocker Verlag aus Graz propagiert wird. Für den Partikularismus und gegen den Universalismus und die Barmherzigkeit, die Kirchen heute vertreten würden - »als späte Antwort auf 1968«, wie Volker Münz, der »kirchenpolitische Sprecher der AfD« meint, als er das Buch »Rechtes Christentum?« vorstellt, zusammen mit Autoren von Antaios. Bei Stocker stehen die Rechten zwischen Büchern wie »Schnuffeltücher und Kuscheltiere häkeln«, »Berghirsche ansprechen« oder »Einfach wursten«.

Auch Höcke kann für seine Lächerlichkeit selber sorgen, wenn er sich bei seiner Lesung unter Polizeischutz zum reinsten »Demokraten und Humanisten« überhaupt erklären lässt und dabei an die Decke blickt, als sehe er einen Heiligenschein. Das hat etwas Bizarres und Komisches, doch das merken seine Anhänger nicht. Sie wollen peinlich sein, offensiv, aufgeregt, ohne alle Ironie - und gefährlich.

Mein anrührendster Messemoment aber steht für den Frieden. Freitagnacht ist es sehr warm und ich reibe mir gegen 23.30 Uhr die Augen auf einer Brücke: Da sitzt unten am Main jemand unter einer Straßenlaterne auf einer Decke neben seinem Fahrrad und liest ein Buch.

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