Schlag gegen italienische Willkommenskultur

Innenminister lässt Migranten aus Riace »umverteilen« - weil sie dort zu gut integriert wurden

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 2 Min.

»Wer nicht hören will, muss fühlen.« So kommentierte Italiens rechtsradikaler Innenminister Matteo Salvini den Beschluss seines Ministeriums, ab sofort alle Aufnahmestrukturen in Riace zu schließen. Schon in den nächsten Tagen sollen die über 200 Migranten, die seit Monaten in dem Dorf in Kalabrien leben, »umverteilt« werden.

Damit endet das »Modell Riace«, das überall in der Welt Bewunderung geerntet hatte, weil in dem kleinen Ort Integration kein Fremdwort ist und die ehemals Fremden gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft geworden sind, die dazu beigetragen haben, das aussterbende Riace am Leben zu erhalten.

Anfang des Monats war Bürgermeister Mimmo Lucano verhaftet worden, weil er die »illegale Immigration« begünstigt haben soll. Übermorgen wird er dem Haftrichter vorgeführt - aber das Innenministerium hat schon erklärt, der Ausgang dieses Termins werde die Entscheidung in keiner Weise beeinflussen. Ebenso will man auch die Entscheidung über einen Berufungsantrag vor dem Verwaltungsgericht nicht abwarten, den die Stadt Riace eingereicht hat.

Auf 26 Seiten wird all das aufgelistet, was Riace in den Augen des Ministeriums »unwürdig« macht, Migranten aufzunehmen. Das reicht von den Gutscheinen, mit denen die Geflüchteten in den örtlichen Läden einkaufen können, über die Unterbringung in liebevoll restaurierten Häusern bis zur »mangelnden Berufsausbildung« der Dolmetscher, die vor allem für die Neuankömmlinge eine enorme Hilfe sind. Diese Auflistung dient offensichtlich als Vorwand, um ein Aufnahme- und Integrationsmodell zu zerstören, das den Migranten genauso wie den Einheimischen hilft.

Seit Bekanntwerden der Anordnung häufen sich in Italien die Proteste. Es demonstrierten Vertreter linker Gruppen und Parteien. Der Ministerpräsident von Kalabrien, Mario Oliviero, forderte Salvini auf, seine Entscheidung umgehend zu revidieren, die er als »absurd und ungerechtfertigt« bezeichnet. Der Vorsitzende der Gewerkschaft CGIL Kalabrien, Angelo Sposato, spricht von »unmenschlicher Anordnung«, die an die düstersten Kapitel der italienischen Geschichte erinnere. »Stoppt diesen Beschluss, im Namen der Menschlichkeit!«, endet sein Appell. Von »Deportation« spricht der Bürgermeister von Reggio, Emilia Luca Vecchi. Der bekannte Journalist und Satiriker Mauro Senesi hat die Stadt Marzabotto, in der deutsche Soldaten 1944 fast 2000 Menschen erschossen, auf gefordert, eine Städtepartnerschaft mit Riace einzugehen.

Ebenso klar ist die Reaktion von Aboubakar Sounahoro, italienischer Gewerkschafter mit Wurzeln in der Elfenbeinküste, der sich vor allem gegen die Ausbeutung der Landarbeiter in Kalabrien einsetzt: »Hier geht es nicht nur um Riace und die Migranten. Hier will man ganz Süditalien ersticken, wenn es versucht, sich zu befreien.«

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