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Die Frau mit dem Super-Gedächtnis

In Australien wurde Rebecca Sharrock berühmt, weil sie sämtliche »Harry Potter«-Bücher auswendig gelernt hat

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor genau einem Jahr habe sie Pizza mit Chili und Schweinefleisch zu Abend gegessen. Mittags gab es Reste vom Curry am Abend zuvor. Rebecca Sharrock plaudert über diese Dinge, als seien sie gestern passiert. Die 28-jährige Australierin aus Brisbane kann sich an fast alle Details ihres Lebens erinnern: Was sie wann gegessen hat, welche Kleidung sie trug, was Leute gesagt haben, wie sie sich gefühlt hat.

»Meine erste Erinnerung ist, wie ich als Baby die Knie hoch zum Gesicht habe und meinen Kopf zwischen den Knien vergraben habe«, erzählt sie im Telefoninterview. Sie vermutet, das sei noch im Bauch ihrer Mutter gewesen. Die erste Erinnerung, die sie dank eines Fotos tatsächlich datieren kann, stammt von ihrem zwölften Lebenstag. »Ich erinnere in Sequenzen«, erklärt sie. »Und alles ist in einer chronologischen Reihenfolge.«

Bis vor fünf Jahren wusste Rebecca Sharrock nicht, warum sie sich an so viel mehr Details erinnern kann als andere Menschen. »Für mich ist es normal«, sagt sie. Sie habe ja nie etwas anderes gekannt. Lange Zeit glaubte sie deswegen, jeder Mensch sei wie sie. Ihre Familie dagegen dachte, ihre außergewöhnlich detaillierte Erinnerung habe damit zu tun, dass Rebecca Sharrock autistisch ist und an einer Zwangsstörung leidet. Erst als sie 21 Jahre alt war, sahen ihre Eltern eine Fernsehsendung, in der es um das sogenannte H-SAM-Syndrom - das Highly Superior Autobiographical Memory oder autobiographische Gedächtnis - ging und sagten: »Das ist, was Rebecca hat.« Die offizielle Diagnose erfolgte 2013 in den USA. Außer Rebecca sind etwa 60 Menschen weltweit bekannt, die das gleiche Syndrom haben.

»Ich kann alle meine Emotionen detailliert erinnern und alles, was mit meinen fünf Sinnen zu tun hat«, sagt die Australierin. »Es geht soweit, dass ich erinnere, wie Essen in meinem Mund schmeckte.« Meist sei das schön, doch es gebe auch unangenehme Momente. »Als ich sechs Jahre alt war, sollte ich meinen Salat essen und spielte dabei mit dem Salz.« Als ihre Mutter weggeschaut habe, habe sie den Salat mit Salz eingedeckt. Ihre Mutter, die ahnungslos war, forderte sie auf, den Salat endlich aufzuessen und Rebecca, die nicht zugeben wollte, was sie getan hatte, aß ihn. »Das schmeckte schrecklich.«

Solch unangenehme Erinnerungen habe sie nun genauso permanent parat wie positive, und oftmals würden die negativen überhandnehmen. »Manchmal überwältigen mich solche Emotionen dann ganz plötzlich«, sagt Sharrock. »Das stresst mich und es ist mir peinlich, zu sagen, dass ich etwas von vor zehn oder 20 Jahren wieder durchlebe.« Noch bis vor wenigen Jahren hätten ihre Erinnerungen sie oft die ganze Nacht wachgehalten. Angstzustände und Depressionen kamen zur Schlaflosigkeit hinzu. »Doch inzwischen habe ich Strategien gelernt«, sagt sie. Eine sei gewesen, sämtliche »Harry Potter«-Bücher auswendig zu lernen. Diese rezitiere sie zur Beruhigung nun jeden Abend vor dem Einschlafen. Letztere Fähigkeit hat ihr in Australien bereits einigen Ruhm eingebracht, nachdem sie in Fernsehsendungen bewies, dass sie Sätze aus den Büchern, die ihr vorgelesen werden, einfach so vollenden kann.

Trotz ihres Super-Gedächtnisses sei sie in der Schule aber kein Überflieger gewesen, meint die junge Frau. »Ich kann zwar jede einzelne Schulstunde in meinen Leben erinnern, aber durch den Autismus ist mein Verständnis langsamer.« Deswegen habe sie bisher auch noch keine Fremdsprache völlig gemeistert. Derzeit tritt die Australierin als Rednerin auf und schreibt einen Blog. Auf längere Sicht würde sie aber gerne Neuropsychologie studieren und an der Universität arbeiten.

Ist das Super-Gedächtnis nun Fluch oder Segen? »Noch vor fünf Jahren hätte ich gesagt, ich will es lieber nicht haben«, sagt sie. Doch inzwischen habe sie ihr Leben besser akzeptiert. »Mein Bruder ist als kleines Kind immer auf Abenteuer-Wanderung mit unserem Vater gegangen und hat das über alles geliebt.« Heute könne er sich jedoch nicht mehr daran erinnern. Das findet Rebecca Sharrock schade und ist froh, dass das in ihrem Fall anders ist.

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