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Die westlichsten Ostler

Deutsch-polnische Kunst im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Frankfurt/Oder

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die streng geschnittenen Dreiecke von Ryszard Otreba aus dem Jahr 1977 verkörpern »Stille«. Antoni Starczewski, ein Künstler aus Łódź, titelt seine Schriftprägungen mit Buchstaben und Zahlen, was an Partituren erinnert. Aus einem Fahrrad, einem Wäscheständer und einer Figur auf dem Boden macht die Künstlerin Malgorzata Jablónska ein bizarres Alltagsinterieur.

Dieser grafische Schatz wird an einem imposanten Ort in der Frankfurter Innenstadt nahe der Oder aufgeblättert. Dass polnische Bürger hierher über die Brücke kämen, um Kunstausstellungen anzuschauen, würde man eher selten erleben, erklärt der Kurator Armin Hauer in der Rathausgalerie, dem einstigen Domizil des »Museums Junge Kunst«. Aber auch die Viadrina- Studenten, die gerade einmal einen knapp zehnminütigen Fußweg zu bewältigen haben, kämen selten. So ist es kein leichtes Unterfangen für die Kunst.

Dabei ist es immer wieder faszinierend, mit welchen Mitteln weiße Blätter zu dichten Notaten werden, frech, ironisch, rätselhaft oder traurig, von Weltschmerz kündend oder von Versuchen der Selbstfindung in schwierigen Zeiten, vom Verhaftetsein in der Geschichte und von ganz individuellen Aufbrüchen. Natürlich auch von der Lust an visuellen Experimenten, an der Schönheit des Bildererfindens, sei es figürlich oder abstrakt.

Die Grafik gilt als kleinere, nicht selten subversivere Schwester der Malerei und ist ob der Auflagendrucke zumeist auch die kostengünstigere. Sie ist in ihrer Papierästhetik immer wieder bestaunenswert, seien es die filigranen Schriftbilder von Carl Friedrich Claus, die expressiv-sachlichen Schnitte von Wolfgang Mattheuer oder die farbstarken frechen Köpfe von Wolfgang Smy.

»Nähe und Dystans/Sasiedztwo i Distanz« ist der Titel der dialogischen deutsch-polnischen Grafikausstellung. Dabei werden 100 Werke von 20 polnischen und 16 deutschen Künstler*innen einer chronologischen Hängung gezeigt. Sie decken die letzten 50 Jahre ab und präsentieren eine große Vielfalt an Techniken. Die Grafiken stammen aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst mit seinen beiden Standorten Frankfurt/ Oder und Cottbus. Seit Beginn der 90er Jahre wurde dieser Bestand bereits durch das damals noch solitäre Museum »Junge Kunst« unter der Leitung von Brigitte Rieger-Jähner und Armin Hauer zusammengetragen. Inwiefern die Fusionierung der Museumshäuser vor einem Jahr inhaltlich neue Synergien freisetzt, muss sich noch erweisen.

Die amtierende Museumsdirektorin Ulrike Kremeier will jedenfalls die Beziehungen zu polnischen Kunstschaffenden und Museen langfristig weiterentwickeln. Grenzübergreifende kulturelle Großregionen für die Nachbarn erlebbar zu vernetzten, gelingt im Westen Europas schon ganz gut. Auf musealer Ebene wurde in diesem Jahr ein neuer Anfang gemacht. Neben besagter Grafikschau gibt es im Frankfurter Packhof eine thematische Auseinandersetzung mit Christa Wolfs Roman »Kindheitsmuster«. Die Ausstellung heißt »Dieser fatale Hang der Geschichte zu Wiederholungen« und beschäftigt sich mit Heimat, Ort und Identität. Sie wird vom MOS Art Center (Miejski Ośrodek Sztuki) in Gorzów konzipiert und auch dort gezeigt.

Insgesamt gibt es unter dem Titel »Blicke auf Polen/Blicke aus Polen« fünf Ausstellungen in Grafik, Malerei, Fotografie und Plakatkunst. Drei davon sind im Dieselkraftwerk Cottbus zu sehen: Miniaturmalerei von Przemek Matecki, die Schau »Eigensinnige Vielfalt« mit polnischer Plakatkunst und nicht zuletzt die Fotos von Jakob Ganslmeier. Dieser Fotograf hat 10 000 Kilometer Reiseerlebnisse zu seinem »Lovely Planet: Polen« verdichtet.

Deutsch-polnische Kunst auszustellen, ist ein wichtiges Vorhaben. Die Frage ist nur, inwiefern eine Gegenseitigkeit auf Augenhöhe erreicht werden kann. Abgesehen davon, dass Kunst keinesfalls Nationalfeiertage und andere politische Ereignisse bediene, sagt Ulrike Kremeier, gehe es hier nicht um eine Dokumentation von Außenstehenden über das Land, sondern um ein Spiel mit Perspektiven und wechselseitigen Blicken.

Die Grafikschau war der Auftakt in der Rathaushalle, die mit ihrem historischen Kreuzgewölbe ein stiller und offener Ort für die Kunst ist und fantastische Durchblicke und Querbezüge erlaubt.

Bildnerische Nachbarschaften wie die Porträts von Wolfgang Smy und die Leidensfiguren, Selbstporträts von Piotr Szurek könnten kaum verschiedener sein. Gibt es einen Unterschied zwischen der polnischen Kunst und jener, die in der DDR in den 80er Jahren entstanden und hier der Schwerpunkt ist? »Polen war für viele DDR-Bürger der Rückspiegel für den Westen«, sagt Armin Hauer. Die in Kunstfragen von Jazz über Plakatkunst bis zur damals ungemein populären Grafik offenere Gesellschaft galt ja als ein Mekka für Entdeckungen etwa surrealistischer, metaphorischer oder popartiger Bildfindungen.

Dabei gab es neben eigenen Themen wie der Neoreligiosität - beispielsweise in Edward Dwurniks »Kreuzkopf« - doch viele Ähnlichkeiten in der Kunstpraxis. Polen und Ungarn, die »westlichsten« Ostler, deren Nationalstolz damals ebenso exotisch wirkte wie Reisebefugnisse und Mode, deren jüngere Geschichte die Debatten um europäische Freiheitsideale bis heute beflügelt, derweil ein vehementer Nationalismus zur Staatsdoktrin wird, wirken wie Barometer für Krisenprozesse. Signifikant Jacek Srokas, ein Künstler aus Krakow, »Aquatinta« von 1982. Er lässt in dadahafter Manier einen Eber einen Sarg hinter sich herziehen. Auf einem anderen Blatt schwimmt eine große, hängebusige Göttin als apokalyptische Wolke über der »Letzten Landschaft«.

»Blicke auf Polen/Blicke aus Polen«, mehrere Ausstellungen im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. Mehr Infos unter:

www.blmk.de

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