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  • Kultur
  • »Franco vor Gericht«

Mehr Rente für den Folterknecht

Der Dokumentarfilm »Franco vor Gericht« zeigt, wie die Opfer der spanischen Diktatur um Gerechtigkeit kämpfen

  • Von Carmela Negrete
  • Lesedauer: 3 Min.

Warum wenden sich die Opfer des spanischen Franquismus an ein argentinisches Gericht? Wie kam es, dass eine Richterin aus Lateinamerika 2010 Anklage erhob? Diese Fragen werden den Zuschauern des Dokumentarfilms »Franco vor Gericht« in mehr als eineinhalb Stunden sehr gründlich beantwortet. Zehn Jahre lang haben die Regisseure Lucía Palacios und Dietmar Post an ihrem Film gearbeitet, waren im richtigen Moment am richtigen Ort. Etwa als der Leichnam von Timoteo Mendieta exhumiert und anschließend würdig bestattet wurde. Nach fast acht Jahrzehnten hatte die spanische Justiz entschieden, nach dem ersten Opfer der Faschisten zu suchen. Die Kamera begleitet die 91-jährige Tochter des ermordeten Gewerkschafters, die nach langem Kampf ihr Ziel endlich erreicht hat.

Die argentinische Untersuchungsrichterin María Servini kommt zu Wort, sagt, für sie sei zuvor unvorstellbar gewesen, dass die Täter in diesem Ausmaß straflos davongekommen waren. Der Forensiker Francisco Etxeberria schildert das Problem: Nach Tausenden Vermissten werde vom spanischen Staat gar nicht gesucht, Massengräber blieben ungeöffnet oder würden nur von freiwilligen Experten untersucht. Etxeberria ist einer von ihnen. Er leitete unzählige Exhumierungen - ohne gerichtliche Anweisung. Die Nachfahren der Opfer des Franquismus fordern das seit Jahrzehnten.

Damals Gefolterte erzählen von ihrer Hoffnung, dass sie in Argentinien endlich Gerechtigkeit erfahren werden, während ihr Peiniger Antonio González Pacheco in Spanien nicht nur ungestraft bleibt, sondern weiterhin eine Sonderrente für seine erbrachten Dienste bezieht. Und auch die Medaillen, die ihm der Franco-Staat für seine Tätigkeit als Folterknecht verliehen hatte, darf González Pacheco behalten.

Die Regisseure lassen die Fakten sprechen und verzichten auf den Einsatz von Hintergrundmusik und anderen Effekten. Den Zuschauern werden in nüchterner Form Interviews präsentiert, deren jedes einzelne Grundlage für einen eigenen Film abgeben könnte. Ergänzt werden diese Gespräche von vielen Archivbildern, die einen Kontext schaffen, um jene Verbrechen angemessen einordnen und erklären zu können, derentwegen jetzt der letzte Prozess gegen die Schergen der spanischen Diktatur geführt wird.

Doch nicht nur die Opfer und deren Verteidiger kommen im Film zu Wort. Die Regisseure wollten auch die Täter befragen. Entsprechende Anfragen schickten sie an alle Angeklagten. Nur einer jedoch ließ sich auf ein Gespräch ein: José Utrera Molina, unter Franco stellvertretender Arbeits- und Bauminister. Die Filmemacher fragen ihn, warum zum Ende der Diktatur noch immer Hinrichtungen erfolgten und in welchem Maße er darin involviert war. Utrera Molina weißt alle Vorwürfe zurück und behauptet, das seien alles nur »Erfindungen der Linksradikalen«. Kurz nach dem Interview stirbt er im Alter von 91 Jahren. Die spanische Justiz weigert sich bis heute, den Anträgen auf Auslieferung der Beschuldigten nachzukommen.

Jeder, der etwas über die jüngere spanische Geschichte und den gegenwärtigen öffentlichen Umgang damit erfahren möchte, sollte diesen Film sehen. Er ist ein Lehrstück. Im vergangenen Sommer zeigten ihn die Regisseure in einigen kleineren spanischen Städten, als eine Art Wanderkino. Die Wanderkino-Idee stammt aus der Zeit der Zweiten Republik. Seinerzeit war das ein Mittel der Bildung und zur Verbreitung demokratischer Ideen auf dem Land, nicht nur Filme, auch Theateraufführungen wurden gezeigt.

Palacios und Post haben zuvor bereits zwei Dokumentarfilme zum Thema Faschismus gemacht: »Die Siedler Francos« handelt von einem Dorf, das noch immer den Namen des Diktators trägt, und »Deutsche Pop- Zustände« erhellt die Verbindungen von Rechten zur Popmusik in der Bundesrepublik.

»Franco vor Gericht«. Deutschland/ Spanien 2018. Regie: Dietmar Post und Lucía Palacios. 102 Min.

Am Dienstag war die Premiere des Films. Weitere Aufführungen: 17. Oktober, 18.30 Uhr, Lichtblick-Kino, Berlin; 18. Oktober, 18.30 Uhr, Thalia-Kino, Potsdam.

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