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»Freibeuter« wurde gekapert

Aktivisten sollen Bebauungsplan weichen / Polizeiliche Räumung von Schiff droht

  • Von Florian Brand
  • Lesedauer: 4 Min.

»Habt ihr ne Ziggi?« Leider nicht. »Dann muss das Interview jetzt ohne gehen«, sagt Wolfgang Sprute ein bisschen zerknirscht. Eigentlich will er gerade nach Hause - duschen und Klamotten wechseln. Eben ist der Alt-Punk mit einem respektablen Kater, wie er selber sagt, im hinteren Teil des Jugendfreizeitsschiffs an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg aufgewacht. »Ist spät geworden gestern. Wir haben noch gefeiert«, sagt er. »Der Bezirk weiß jetzt, dass er einige Gäste mehr hat.« Im Büro im ersten Stock des Schiffs, wo das Gespräch stattfindet, räumen derweil zwei Aktivistinnen ihre Matratzen und Bettzeug beiseite. »Das passt schon«, sagt Sprute und lässt sich in einen Stuhl fallen.

Bis vor Kurzem gehörte das ehemalige Jugendfreizeitschiff »Freibeuter« noch der Genossenschaft »Spreewohnen e. G.«. Die Genossenschaft hatte den heruntergekommenen Kahn vor zwei Jahren vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für 225 000 Euro gekauft. Im Vertrag stand damals, dass das ehemalige Jugendfreizeitschiff nicht an seinem angestammten Liegeplatz bleiben könne, wo es bereits seit seiner Fertigstellung durch die Werft Märkische Bunker und Service (MBS) GmbH im Jahr 2000 vor Anker lag. Weil die Käufer*innen keinen neuen Liegeplatz fanden, endete ein gerichtlicher Streit mit einem Vergleich. Das Schiff ging zurück an den Bezirk und steht jetzt zum Verkauf.

Anfang der Woche fand nun also die Schlüsselübergabe statt. Dabei stellte sich heraus, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit der Rückabwicklung zusätzlich noch zwei Mietverträge vom vorherigen Eigentümer übernahm. Einer der zwei Mieter*innen ist die fahrende Aktionsküche »Kulturkombüse«, zu der auch Sprute gehört. Als Kollektiv sorgen sie für die Verpflegung auf politischen Aktionen. »Wir können innerhalb von wenigen Stunden gut 1000 Menschen mit Essen versorgen«, erzählt Sprute stolz. Derzeit kochen beispielsweise drei der Kulturkombüse-Aktivist*innen im Hambacher Forst. Aber auch an anderen Aktionen, wie der Besetzung der Volksbühne, war das Kollektiv beteiligt. Gemeinsam mit Spreewohnen haben sie im vergangenen Jahr ein vielfältiges Kunst- und Kulturprogramm auf der »Freibeuter« geschaffen. Sprute betont, dass das Schiff wegen der gültigen Mietverträge nicht besetzt sei, trotz zum Teil anders lautender Mobilisierungsaufrufe durch solidarische Aktivist*innen.

Sprute war mehrere Jahrzehnte als Hausbesetzer aktiv. Mit 14 kam er ins Heim, wurde auf der Straße groß. Trotz - oder gerade wegen - seiner Vergangenheit will er aus dem Schiff »kein autonomes Partyschiff« machen. Im Gegensatz zu anderen besetzten Häusern und Projekten soll das Boot nicht im »eigenen Szenesumpf ersticken«, sagt er. »Wir sind offen für alle. Wenn morgen die Eigentümer einer Zwei-Millionen-Euro-Suite ein Projekt mit uns machen wollen, würden wir die nicht wegschicken«, sagt er und deutet zu den hochpreisigen Apartments am anderen Ufer.

Draußen an Deck bauen Aktivist*innen derweil die provisorische Solaranlage vom Dach, die ein Unterstützer als Leihgabe zur Verfügung gestellt hatte. Auch Sprute hat einen Großteil seiner Küchenutensilien vor einer drohenden Räumung in Sicherheit gebracht.

An diesem Mittwoch will sich der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne), mit den Aktivist*innen treffen, um die Lage zu sondieren, wie Schmidt dem »nd« sagt. Dabei soll es auch darum gehen, wie es für die derzeitigen Mieter*innen weitergeht, denn bleiben können sie nicht, sagt Schmidt. Sowohl Bezirksamt als auch Bezirksverordnetenversammlung hätten sich gegen einen Verbleib der »Freibeuter« ausgesprochen. »Im Uferkonzept für die Rummelsburger Bucht ist das Objekt nicht vorgesehen und gilt daher als Störkörper.« Zwar hege er grundsätzliche Sympathien für derartige Projekte, doch eine Räumung könne er im schlimmsten Fall nicht ausschließen, sagte Schmidt dem »nd«.

Zum Ende der Woche entscheidet sich, was passieren wird. Dann nämlich läuft die Frist der Ausschreibung für den Verkauf des Schiffes aus. An Bord der »Freibeuter« geht derweil das Gerücht um, dass es bereits einen interessierten Käufer gebe, den Inhaber der MBS-Werft, Ulf Golka, welche das Schiff einst baute. Mitarbeiter*innen der Werft seien vor einiger Zeit auf dem Schiff aufgetaucht, hätten sich als neue Eigentümer*innen zu erkennen gegeben und Vermessungen vorgenommen. Angeblich plane Golkas Sohn, aus dem Kahn ein Geschäft zu machen. Auf nd-Nachfrage erklärte Golka: »Möglich ist vieles.«

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