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Strukturen für den Winter aufbauen

Aktivisten im Hambacher Forst besetzen Häuser und erhalten Drohungen von RWE-Mitarbeitern

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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#Hambibleibt: Strukturen für den Winter aufbauen

Manheim am Rand des Tagebaus Hambach gleicht einem Geisterdorf. Von den einst 1700 Menschen leben dort noch knapp 80. Wer durch den Ort spaziert, sieht Leerstände, Container, ab und zu eine Polizeistreife, Abbruchfirmen und Sicherheitskräfte des Energiekonzerns RWE. Vor einem der Häuser, die leer geräumt werden sollen, scharen sich am Dienstagmorgen vermummte Menschen. Sie sind am Wochenende in vier Häuser eingezogen, die besetzt wurden. Die Räumung der anderen Häuser bietet ihnen eine gute Gelegenheit, an nützliche Gegenstände für die besetzten Häuser zu kommen. Sie transportieren Sofas, Matratzen und Schränke ab. Der Hausbesitzer hat nichts dagegen. Er wohnte selbst nicht mehr hier, sondern sein Vater. Der sei bereits nach Neu-Manheim umgezogen, was ihm stark zugesetzt habe, erzählt der Sohn dem »nd«. RWE könne hier machen was es wolle, gerade für die älteren Bewohner sei die Umsiedlung eine harte Belastung. Die Sache der Klimaschützer sei seine nicht, aber seine Wut auf RWE sei groß. Unterdessen teilen Schrottsammler*innen und Klimaaktivist*innen das Inventar des Hauses untereinander auf. Auch die Schrottsammler*innen sind keine Fans von RWE: »Die haben das Geld, die setzen sich durch«, meint einer von ihnen.

Ein paar hundert Meter weiter stehen die vier besetzten Häuser. Im Garten dahinter sitzen am Dienstag Menschen um ein Feuer, andere spülen Geschirr oder dösen in einer Hängematte. Die Aktivistin »Murmel«, die vorher im Hambacher Forst gelebt hat, ist »zuversichtlich« was das Zusammenleben mit den Menschen aus dem Dorf angeht. Bei einem Gartenfest seien einige gekommen, die die Besetzung begrüßt hätten, doch andere sähen diese Aktivitäten eher kritisch. »Murmel« sieht die Besetzung in einem größeren Kontext: Manheim sei keine Stunde von Köln entfernt, wo der Wohnraum äußerst knapp ist. »Die Dörfer hier wären perfekt, um dem ganzen Gentrifizierungswahn etwas entgegenzusetzen. Dafür müssten die Kommunen aber auch Infrastruktur wiederaufbauen«, sagt sie. In Manheim gebe es genug Platz, so dass die Besiedlung des Dorfs auch die Wohnungsnot in Köln lindern könnte, meint die Aktivistin. In den nächsten zwei Jahren ist nicht damit zu rechnen, dass das Dorf abgebaggert wird.

Auch der Hambacher Forst wird wieder besetzt. Seit dem 6. Oktober gibt es das »Krähennest«, ein Baumhausdorf in dem Gebiet, das RWE als erstes roden will. Am Dienstag sind die Aktivist*innen aus dem »Krähennest« damit beschäftigt, die von RWE zugeklebten Höhlen der Bechsteinfledermaus wieder zu öffnen. Im »Winkel«, einem weiteren Baumhausdorf, ist man mit Aufbauarbeiten beschäftigt. Aktivist »Pinky« erzählt, dass es jetzt darum gehe, die Strukturen winterfest zu machen. Die neuen Baumhäuser müssten beheizt und isoliert werden. Ein großes Problem ist fehlendes Holz. Das im Wald herumliegende Holz will man nicht zu sehr beanspruchen, es ist der Lebensraum für viele Tiere. Auf die Frage, ob die Unterstützung seit der Großdemo und Abzug der Polizei nachgelassen habe, differenziert Pinky: Die Menschen brächten zwar weniger Sachspenden in den Wald als vorher, dafür seien jetzt viel mehr Leute bereit, aktiv mitzuarbeiten. Wie es im Winter weitergeht, müsse man abwarten.

Nicht mehr abwarten wollen Angestellte von RWE. Im Internet verbreiten sie immer häufiger Drohungen gegen die Besetzer. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes des Kraftwerks Niederaussem erklärte auf Facebook seinen Job zur »Aktivistenjagd«. Eine solche Rhetorik hieße RWE nicht gut. Auf Anfrage von »nd« erklärte ein Sprecher des Unternehmens: »Wir werden darauf drängen, dass der Mitarbeiter entsprechend zur Einhaltung der Verhaltensregeln gemahnt wird.« Gleichzeitig beklagt der Konzern, dass Drohungen- und Beleidigungen zunähmen. Ganz so einfach scheint es nicht. Nach einer Kundgebung der IGBCE an der Zufahrt zum Hambacher Forst, protestierten RWE-Mitarbeiter*innen am Mittwochvormittag vor dem Haus von Antje Grothus, einer der profiliertesten Kritiker*innen des Tagebaus Hambach. Mit Trillerpfeifen und abwertenden Gesten brachten sie zum Ausdruck, dass sie das Engagement von Grothus ablehnen.

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