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  • Berlin
  • »Syndikat« in Neukölln

Kiezkneipe macht Rabatz

Der Kollektivbetrieb »Syndikat« wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Kündigung

  • Von Maria Jordan
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ob jung, ob alt, ob Mann, ob Frau - du bist unsere kleine Kneipe in Neukölln!« Diese Zeilen schallen am Mittwochnachmittag über den Platz vor dem Neuköllner Rathaus. Hier halten Betreiber*innen des Syndikats bereits die zweite Protestkundgebung vor der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ab.

Das Lied haben Stammgäste eigens für den 30. Geburtstag des Syndikats komponiert. Jetzt, drei Jahre später, steht die Kiezkneipe vor dem Aus. Der Mietvertrag wurde zum Ende des Jahres gekündigt - für eigentlich geplante Verhandlungen ist der Eigentümer nun scheinbar nicht mehr bereit. Dagegen wehrt sich das Syndikat nun mit allen Mitteln. Da dem Kollektiv juristisch die Hände gebunden sind, »können wir nur noch versuchen, den Laden durch öffentlichen Druck zu retten«, sagte Lukas Selchow, ein Sprecher des Kollektivs, schon bei einem ersten Schock-Plenum in der Kneipe Ende September.

Und sie halten Wort: Seitdem fand bereits eine Kiezversammlung statt, bei der einige Teilnehmer*innen wegen Überfüllung vor der Tür bleiben mussten, bei einer Demonstration gegen Verdrängung zogen rund 400 solidarische Nachbar*innen durch den neuerdings verhipsterten Schillerkiez und auch auf der Unteilbar-Demo war das Syndikat vertreten. Weitere Protest- und Solidaritätsaktionen für die nächsten Wochen sind geplant. Denn die Zeit ist knapp - der Kneipe bleiben noch zweieinhalb Monate.

Der Fall zieht auch Bezirkspolitiker*innen auf den Plan. Der Grünen-Bezirksstadtrat Jochen Biedermann hatte von Anfang an seine Unterstützung angekündigt und steht mit dem Kollektiv in Kontakt. Formal sind dem Bezirksamt jedoch die Hände gebunden: »Bei Gewerbemietverträgen gibt es keinerlei rechtliche Einflussmöglichkeiten des Bezirks, um eine Verlängerung des Mietvertrags zu erwirken«, erwidert er auf die Anfrage einer Anwohnerin bei der BVV. Die große Solidarität im Kiez zeige, dass das Syndikat als mehr als eine Kneipe wahrgenommen werde. »Vielmehr steht sie für viele Bewohner*innen für den Versuch, auch sie selbst aus dem Kiez zu verdrängen«, so Biedermann. Abhilfe könne nur die Reform des Gewerbemietrechts auf Bundesebene oder ein deutlich größerer kommunaler Wohnungsbestand sein.

Doch dafür bleibt dem Syndikat keine Zeit. Der einzige Weg führt letztendlich über den Eigentümer. Dieser ist laut Recherchen des Kollektivs die Luxemburger Briefkastenfirma »Firman Property Group«, hinter der ein großes britisches Unternehmen stehen soll. Unterschriftenlisten für den Erhalt des Syndikats mit bisher über Tausend Unterzeichner*innen sollen nächste Woche an die Hausverwaltung DIM und den besagten Briefkasten geschickt werden. Ob der Eigentümer sich vor Ablauf der Kündigungsfrist zu Gesprächen bereit erklärt, bleibt offen.

Klar wird vor dem Rathaus abermals: Das »Syndi« hat Rückenwind und macht weiter ordentlich Rabatz. Neben Bands, Anwohner*inneninitiativen und dem kneipeneigenen Kickerverein solidarisieren sich ebenso andere bedrohte linke Projekte. Auf der Kundgebung gibt es auch einen Redebeitrag der Schöneberger Jugendzentren Potse und Drugstore, die selbst seit Monaten im Kampf gegen die Verdrängung stehen. Parallel zum Syndikat hielten die Zentren eine Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg ab. Der Schlachtruf ist der gleiche: »Wir bleiben alle!«

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