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Die Schreckenspiste soll sicherer werden

Unfallschwerpunkt A2: Auf Deutschlands wichtigster Ost-West-Autobahn sind besonders viele Lkw unterwegs

  • Von Dörthe Hein, Magdeburg, und Michael Evers, Hannover
  • Lesedauer: 7 Min.

Zertrümmerte Lastzüge, zerquetschte Führerhäuser, Tote, Verletzte und lange Staus: Die Unfälle, zu denen die Helfer entlang der Ost-West-Autobahn 2 von Berlin über Magdeburg und Hannover Richtung Nordrhein-Westfalen ausrücken müssen, gleichen sich oft. Und auch die Ursachen sind meist dieselben. Vor Baustellen staut sich der Verkehr, und abgelenkte Lkw-Fahrer, die oft zu wenig Abstand halten, schieben mehrere Sattelzüge ineinander. Seit Jahren liegen die Unfallzahlen auf hohem Niveau. Mit einer Vielzahl von Maßnahmen wollen die Bundesländer an der wichtigen Verkehrsader jetzt für mehr Sicherheit und ein flotteres Durchkommen sorgen.

Rastplatz Auetal, nahe der Grenze zu Westfalen, es ist ein sonniger Vormittag. Zu einem Lkw-Aktionstag, bei dem Polizei und Verkehrswacht für die Unfallgefahren auf der A2 sensibilisieren, ist auch Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) angereist. »Menschliches Fehlverhalten und zu hohe Geschwindigkeiten in Kombination mit Übermüdung, Ablenkung und zu geringem Abstand führen immer wieder zu Unfällen«, mahnt er. Seine Reaktionsfähigkeit testet er an einem sogenannten Pupillomaten - das Gerät misst die Pupillenreaktion und entlarvt so übermüdete Fahrer. Auch eine plötzliche Bremssituation, bei der der Fahrer noch sein Smartphone in der Hand hält, kann das Gerät simulieren.

»Es gibt zu viel Verkehr und keine Überholmöglichkeiten«, klagt ein polnischer Trucker, der auf der Fahrt von England nach Katowice gerade eine Pause eingelegt hat. Seit Jahren ist er auf der Route unterwegs. »Ein großes Problem, es gibt zu wenig Parkplätze.« Nach 20 Uhr sei alles voll. Und: Bei Polizeikontrollen »warnen sich die polnischen Fahrer untereinander und alle treten auf die Bremse«.

Ein holländischer Fahrer, der einige Parkbuchten weiter steht und mit seiner Ladung noch bis Braunschweig muss, sagt: »Es ist überall dasselbe, niemand gönnt dem anderen etwas, keinen Platz.« An eine Grundregel hält er sich selber: »Sorge dafür, dass du ausgeruht mit deiner Tour beginnst.« Die Ratschläge zum Abstandhalten seien oft keine Hilfe: »Wenn du dich an den Abstand hältst, fährt gleich jemand dazwischen.«

Busfahrer Steffen Reich unterdessen, der mit einer Reisegruppe aus dem Kreis Soest in Richtung Norden unterwegs ist, hält die Probleme auf der A2 teils für hausgemacht. »Tempo 60 in Baustellen, das ist zu langsam, das knallt irgendwann.« Auch seien die Baustellen oft viel zu lang, sagt er während seines Parkplatzstopps dem Verkehrsminister. Über zehn Kilometer müsse der Verkehr durch Baustellen schleichen, nur auf drei Kilometern werde aber gebaut. Oft seien die einen Arbeiten gerade beendet, da würden schon die nächsten begonnen.

Weil insbesondere Baustellen Auslöser von Staus und Unfällen sind, hat Niedersachsen im Frühsommer entschieden, die Arbeiten künftig zu beschleunigen und, wo möglich, keine Fahrstreifen mehr zu sperren. Eine Untersuchung von A2-Baustellen hatte ergeben, dass es insbesondere vor Baustellen kracht, wo die Zahl der Fahrstreifen reduziert wird und deshalb der Verkehr stockt. Der volkswirtschaftliche Schaden der Staus - so die Untersuchung - rechtfertige bei künftigen Baustellen problemlos auch kostspieligere Maßnahmen wie etwa provisorische Fahrbahnverbreiterungen, um in einer Baustelle alle Fahrspuren aufrechtzuerhalten.

Ob das neue Baustellenmanagement Früchte trägt, lasse sich erst im kommenden Jahr sagen, heißt es aus dem niedersächsischen Verkehrsministerium. Eine neue Stabstelle »A2-Koordination« bündelt seit 2017 bereits die Arbeiten. Ziel sei es, den Verkehrsfluss zu verbessern, auch wenn gebaut werden muss. Außerdem sollen an der A2 bis 2025 allein in Niedersachsen 600 zusätzliche Lkw-Stellplätze entstehen.

Stefan Kloß weiß, was alles über die A2 rollt - er ist der Chef der Spezialisierten Verkehrsüberwachung des Autobahnpolizeireviers Börde. Noch vor Beginn der Großkontrolle, die er an diesem Tag mit fast 50 Kollegen in Sachsen-Anhalt durchführt, steht er auf dem Parkplatz vor einem zerbeulten weißen Transporter mit Anhänger, darauf stapelweise Kühlschränke, nur mit wenigen Gurten gesichert. Und die beiden Männer, die das Fahrzeug aus der Ukraine steuern, haben keine Kaufbelege. Auch fehlt die Warntafel. Die Hintergründe bleiben an diesem Tag unklar. Erst einmal werden zwei Mitarbeiter der örtlichen Abfallbehörde gerufen. Sie begleiten Polizei und die Ukrainer zur nächsten Entsorgungsstelle.

Kloß und Kollegen nehmen sich bei ihrer Großkontrolle an diesem Tag speziell Lastwagen, Transporter und Busse vor. Zivile Fahrzeuge der Polizei lotsen vor allem ausländische Transporter auf den Parkplatz. Ein Blick auf die Kennzeichen zeigt: PL für Polen, CZ für Tschechien, SK für Slowakei, LT für Litauen, UA für Ukraine. »Wir konzentrieren uns auf ausländische Fahrzeuge, weil beispielsweise Abstandsverstöße im Ausland nicht so geahndet werden wie bei uns«, erklärt Kloß. In Polen etwa sei das kein Vergehen.

80 Fahrzeuge werden die Beamten des Polizeireviers Börde am Ende ihrer Großkontrolle unter die Lupe genommen und 103 Personen überprüft haben. Dreimal hatten die Fahrer die Lenkzeiten nicht eingehalten, einmal reichte die Ruhezeit nicht aus, zweimal fehlten die Arbeitszeitnachweise. Zweimal wurde gegen Gefahrgutvorschriften verstoßen, zweimal die Ladungssicherung beanstandet. Zwölf Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung wurden geahndet. Zudem fanden die Beamten bei ihrer Kontrolle drei Personen, nach denen gefahndet wurde. Fünf Menschen standen im Verdacht, gegen ausländerrechtliche und Einreisebestimmungen verstoßen zu haben. Bei einem Mann wurden Drogen gefunden.

Alles in allem brachten die Kon-trolleure an diesem Tag 26 Ordnungswidrigkeiten zur Anzeige und fertigten zwei Strafanzeigen. Es wurden zwölf sogenannte Sicherheitsleistungen in Höhe von insgesamt 3775 Euro kassiert. Tagtäglich passieren rund 65 000 Fahrzeuge die A2 in diesem Abschnitt, darunter 17 000 Lkw.

Aber nicht nur Menschen und Waren sind auf der A2 unterwegs. Auch Tiertransporte zieht die Autobahnpolizei an diesem Tag für Kontrollen heraus. Die Lotsen lassen einen Schweinetransport mit Kennzeichen aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt ganz am Rand des Parkplatzes halten - die Geruchsbelästigung geht manchmal ins kaum Erträgliche, sagen erfahrene Beamte. Ein speziell geschulter Beamter schaut sich die Papiere des jungen Fahrers an.

Er habe heute früh bei Hannover schon im Stau gestanden mit dem Transport, der bis zum Schlachthof in Weißenfels im südlichen Sachsen-Anhalt führen soll, sagt der junge Mann. Die Lüftung habe er den Tieren angemacht. Die Schweine schauen neugierig durch die Gitter. Ruhig sind sie, konstatiert der Beamte. Und auch sonst ist alles in Ordnung. Das Fahrzeug ist vier Jahre alt, alle Unterlagen sind da. Nach wenigen Minuten kann der Transporter weiterfahren.

Intensiv kontrolliert werden Autofahrer seit einigen Wochen auf der A2 auch im Großraum Hannover, vor allem dort, wo gerade gebaut wird. Tausende Bußgeldbescheide hat die Polizei seitdem verschickt, und zwar für Verstöße, die zu den Hauptunfallursachen zählen: Zu hohes Tempo, gerade in Baustellen, zu wenig Abstand, Ablenkung durchs Handy und das Nichtbeachten von Überholverboten.

»Grundsätzlich wollen wir über die Maßnahmen und den Kontrolldruck das Fehlverhalten reduzieren, beziehungsweise die Akzeptanz und Regeltreue aller Verkehrsteilnehmer erhöhen«, sagt Hannovers Polizeisprecher André Puiu. Der Erfolg sei schwer zu messen. Die Tausenden Bußzettel aber bringt der Beamte in Relation zu den bis zu 120 000 Fahrzeugen, die täglich über die A2 an Hannover vorbeirollen - die Mehrzahl der Fahrer hält sich offenbar an die Regeln.

Laut Polizei gab es 2017 auf dem niedersächsischen A2-Abschnitt 3538 Unfälle, im Vorjahr waren es 3516 Karambolagen, und 2015 krachte es 3447-mal. Im westfälischen Bereich der A2 wurden bei 480 Unfällen zwei Menschen getötet und 84 schwer verletzt. Im Vorjahr gab es dort fünf Tote und 51 Schwerverletzte, wie das Polizeipräsidium Bielefeld mitteilte. In Sachsen-Anhalt krachte es im vergangenen Jahr 1353mal auf der A2, zehn Menschen starben und 78 wurden schwer verletzt.

Damit diese Zahlen deutlich sinken, setzt Niedersachsen sich intensiv dafür ein, EU-weit optimierte und nicht abschaltbare Notbremsassistenten für Lkw einzuführen. Wenn der Fahrer nicht rechtzeitig reagiert, greift dann zwingend die Technik ein. Der Bund hat nun angekündigt, dass eine solche Technik, wenn sie denn bei modernen Sattelzügen an Bord ist, in Deutschland zumindest nicht abgeschaltet werden darf. Es wäre ein erster Schritt. dpa/nd

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