Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ohne Teilzeit gäbe es genug Erzieherinnen

Der Bildungsausschuss des Landtags debattierte den Fachkräftebericht »Erziehung«

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Obwohl die Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher etwas attraktiver gestaltet werden und ihrem Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten vielfach entsprochen werden muss, fühlen sich immer mehr überlastet und ausgebrannt. Dieser Widerspruch trat zutage, als am Donnerstag im Bildungsausschuss des Landtages eine Anhörung zum Fachkräftebericht »Erziehung« debattiert wurde.

Auf den scheinbar merkwürdigen Umstand, dass rein rechnerisch genügend Erzieherinnen vorhanden und mehr oder weniger alle Stellen besetzt seien, obwohl doch über einen Personalmangel geklagt werde, machte der Abgeordnete Gordon Hoffmann (CDU) aufmerksam.

Das konnte Sabine Henze von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufklären. Sie berichtete, dass junge Berufseinsteigerinnen häufig nicht in Vollzeit arbeiten möchten. Bei den Einstellungsgesprächen heiße es vielfach: »Ich will noch mehr vom Leben haben.« Wenn die Kommune oder der Trägerverein der Kita der Forderung nach reduzierter Arbeitszeit nicht nachkommen wolle, werde gesagt, »dann gehe ich eben zum Nächsten«.

Tatsächlich arbeiten nur 20 Prozent der Erzieher und Erzieherinnen in Vollzeit, teilte die Bildungsausschussvorsitzende Gerrit Große (LINKE) mit. Dass der Beruf daher weiter attraktiver gestaltet werden müsse, davon ist die Gewerkschafterin Henze überzeugt. Wenn eine Erzieherin abends erschöpft zu Hause sitze, sei das keine Werbung für diesen an sich »schönsten Beruf der Welt«.

Doch so viele individuelle Wünsche nach »Selbstverwirklichung« auch erfüllt werden - dem wachsenden Problem des »Ausgebranntseins«, der Dauererschöpfung, kann man offenbar nicht entgehen. Sie nehmen auch in Brandenburg solche Ausmaße an, dass die Kürzung von Kita-Öffnungszeiten oder gar die vollständige Schließung von Einrichtungen »inzwischen zu den Lösungen gehören«, sagte Martin Matz von der Liga der Wohlfahrtsverbände. Natürlich wäre es für die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags der Kinderbetreuung nützlich, alle Teilzeitkräfte zur Vollzeit zu bewegen, aber »das ist in der Praxis nicht so einfach«. Wenn alle in Brandenburg wohnenden Erzieher hier arbeiten und nicht nach Berlin einpendeln würden, wäre auch schon viel gewonnen. Matz sprach außerdem das Problem an, dass für bestimmte Ausbildungsbereiche im Erzieherberuf immer noch ein Schulgeld bezahlt werden müsse. »Würde man das abschaffen, wäre der Beruf mit einem Schlag attraktiver.« Dann dürfe man dabei auch nicht die immer noch gebührenpflichtige Ausbildung zum Heilerziehungspfleger vergessen und ein neues Gefälle schaffen, fügte er hinzu.

An einer besseren Bezahlung führt nach Ansicht von Gudrun Tießenhusen, Schulleiterin des Oberstufenzentrums Märkisch-Oderland, nichts vorbei, wenn das Interesse geweckt werden soll, als Erzieher in einer Kita oder einem Schulhort zu arbeiten. Sie sprach sich für »familienfreundliche Arbeitszeitmodelle« aus. Zur Wahrheit gehöre auch, dass einige Absolventen mitunter nur Teilzeit-Arbeitsverträge erhalten, was für sie »häufig nicht befriedigend« sei.

Gegen Erzieher, also Männer im Beruf, gebe es derzeit »viel zu viele Vorbehalte in der Gesellschaft«, als dass demnächst mit einer nennenswerten Zahl von ihnen in den Kitas zu rechnen sei, sagte Thießenhusen. Offenbar unterstellen zu viele Eltern solchen Männern pädophile Neigungen und lehnen es ab, ihr Kind von einem Mann betreuen zu lassen.

Gewerkschafterin Henze sprach dieses Problem nicht direkt an, umschrieb es aber vielsagend mit den Worten: »Sie wissen schon.« Dabei wären Männer eine »wunderbare Bereicherung«, erklärte sie und verwies auf sehr gute Erfahrungen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln