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Verpasste Chance in Jugoslawien

Aktivisten der 68er Bewegung forderten demokratischen Sozialismus - Partei und Staat nicht

  • Von Krunoslav Stojaković, Belgrad
  • Lesedauer: 5 Min.

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Protestierende Studenten auf einer Kundgebung im Belgrader Universitätsviertel im Juni 1968
Protestierende Studenten auf einer Kundgebung im Belgrader Universitätsviertel im Juni 1968

»Wir haben kein eigenes Programm«, verlautbarten die jugoslawischen Student*innen auf dem Höhepunkt ihrer Revolte im Juni 1968. »Unser Programm sind die Verfassung und das Parteiprogramm des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens!«

Was hier als staatstragendes Bekenntnis daherkommt, war in der politischen Praxis eine subversive Kritik an den gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Realitäten im sozialistischen Jugoslawien. Die beflissentliche Anrufung der wichtigsten programmatischen Akte des Staates als Kronzeugen ihrer Anklage bedeutete für die revoltierenden Studierenden an den Universitäten in Belgrad, Zagreb und anderswo die Möglichkeit, auf der Grundlage einer weithin anerkannten und legitimierten Ordnung eine linksradikale Kritik an Staat und Partei zu formulieren. Einerseits konnten sich die Student*innen auf die in diesen Dokumenten formulierten Werte und Ziele des jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus berufen, um den tatsächlich erfahrenen Lebensalltag zu kritisieren. Andererseits traten sie auch ausdrücklich für die dort formulierte Gesellschaftskonzeption ein, engagierten sich und trieben den Bund der Kommunisten politisch vor sich her. Weder das Parteiprogramm noch die Verfassung der als selbstverwaltet, föderal und sozialistisch definierten Republik stellten für die Studierenden eine Formalität dar, derer man sich lediglich instrumentell bediente um Kritik zu üben, an deren politischen Wert aber ansonsten grundsätzlich gezweifelt würde. Im Gegenteil: Zusammen mit vielen Intellektuellen, Künstler*innen, Universitätsprofessor*innen, aber auch arrivierten Parteimitgliedern klagten sie den Bund der Kommunisten an, sich von den proklamierten Grundsätzen der sozialistischen Selbstverwaltung zu entfernen. Sie beschuldigten den Bund der Kommunisten der Verbürgerlichung und der vorauseilenden Implementierung kapitalistischer Produktionsbeziehungen, um an Westkredite zu gelangen. Außerdem übten sie Kritik an der unvollkommenen Entstalinisierung nach dem Bruch mit Moskau 1948. Die Bürokratie liege weiterhin wie Mehltau über der Gesellschaft, verhindere die umfassende Durchsetzung der sozialistischen Selbstverwaltung, während der Bund der Kommunisten das ideologische Monopol unverändert für sich in Anspruch nehme und, wo nötig, auch repressiv durchsetze.

In der internationalen Geschichte der Arbeiterbewegung hat die Kommunistische Partei Jugoslawiens mehrfach ihren Eigensinn bewiesen. Weder in ihrer ideologischen Ausrichtung während des Partisanenkampfes 1941-1945, noch in ihrem Auftreten nach 1945 ließ sie sich politisch Bevormunden. So wie sie im Partisanenkampf - trotz Volksfrontpolitik - schon Ende 1941 die Gründung der Ersten Proletarischen Brigade unter Führung des Surrealisten, Spanienkämpfers und Kommunisten Konstantin »Koča« Popović initiierte, scheute sie auch 1948 nicht den Konflikt mit der Sowjetunion und proklamierte im Juni 1950 die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung. Mit der 1952 erfolgten Umbenennung in »Bund der Kommunisten Jugoslawiens« wollte sie zudem nicht mehr ideologischer Lehrmeister, sondern politischer Partner im jugoslawischen Selbstverwaltungssystem sein. Diese Atmosphäre einer relativen gesellschaftspolitischen Offenheit begünstigte schon ab den 1950er Jahren kritische Interventionen in der Öffentlichkeit. Die Reflexionen und Analysen des später geschassten Milovan Đilas zur permanenten Notwendigkeit der Demokratisierung von Staat und Partei waren nicht grundsätzlich problematisch für den Bund der Kommunisten. Schließlich veröffentlichte er über ein Dutzend Artikel in der Parteizeitung Borba (Kampf). Problematisch, das heißt vom Bund der Kommunisten als inakzeptabel betrachtet, waren Artikel, die sich explizit an die Partei wandten und detailliert die bürgerliche Lebensweise führender Parteimitglieder und ihrer Ehefrauen beschrieben. Die Reaktion des Bundes der Kommunisten darauf war kompromisslos und zeichnete die Haltelinie ein bis zu der - trotz aller formal eingeleiteten Demokratisierung - Kritik geübt werden durfte ohne politisch sanktioniert zu werden: Allgemeine Kritik wurde toleriert, konkrete Kritik am Bund der Kommunisten hingegen sanktioniert.

Trotz der Affäre mit Đilas entwickelte sich ab Mitte der 1950er Jahre ein tolerantes intellektuelles Klima, in dem einst politisch geförderte Dogmen wie der sozialistische Realismus oder die Abbildungstheorie an Bedeutung verloren. Allen voran in Zagreb, Belgrad und Ljubljana entwickelten sich allmählich intellektuelle und künstlerische Zirkel, die mit ihren subversiven Aktionen und Wortmeldungen nicht nur ein wichtiges gesellschaftliches Korrektiv darstellten, sondern auch ein junges, seinen politischen Grundprämissen und seinem Habitus nach linksradikales, alternatives Milieu maßgeblich beeinflussten. Aus diesem Milieu entwickelte sich schließlich jene kritische Masse linker Aktivist*innen, die im Juni 1968 Belgrad zu einem wichtigen Ort der internationalen Studentenbewegung werden ließen.

Zum intellektuellen Stichwortgeber der Bewegung avancierte die in Zagreb erscheinende Zeitschrift »Praxis«, deren Mitarbeiter sich als Teil der weltweiten Neuen Linken verstanden - mit Zagorka Golubović gehörte allerdings nur eine Frau dem erweiterten Redaktionskollektiv an. Im Unterschied zu Đilas, der sich in seinen weiteren Schriften deutlich vom Sozialismus entfernte, traten die Autoren der »Praxis« für eine radikalere Umsetzung der sozialistischen Selbstverwaltungsprinzipien ein. Ihre Bürokratie- und Staatskritik wurde zum »common sense« der radikalen studentischen Linken.

Wie reagierte der jugoslawische Staats- und Parteiapparat auf die Studentenbewegung und ihre intellektuellen Stichwortgeber? Nach längerem Zögern, und durchaus vorhandenen Planspielen einer polizeilich-militärischen Aktion, entschied sich Staatspräsident Tito zur politisch denkbar klügsten aller möglichen Reaktionen: Er gab den Studierenden Recht, rief sie zur Fortsetzung ihres Studiums auf und gelobte Besserung. In seiner Radio- und Fernsehansprache ebenso wie in der darauffolgenden Berichterstattung und parteiinternen Dokumenten vergaß die Parteiführung jedoch nicht darauf hinzuweisen, dass in all dem rührenden Enthusiasmus der Jugend auch staatsfeindliche, antisozialistische Kräfte am Werk gewesen seien, mit denen früher oder später abgerechnet werden müsse. Die Abrechnung, zunächst in Form von Parteiausschlüssen, erfolgte sukzessive, betraf zunächst einige der bekanntesten Philosophen aus dem Umkreis der »Praxis«, weitete sich dann auf die studentischen Wortführer und die Studentenpresse aus und endete Mitte der 1970er Jahre in Lehrverboten für acht Belgrader Professor*innen. Die Zeitschrift »Praxis« und der von ihren Mitarbeitern organisierten Sommerschule auf Korčula wurden eingestellt.

Krunoslav Stojaković ist Büroleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Belgrad.

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