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Tickende Zeitbomben auf dem Meeresgrund

Internationales Forscherteam untersucht Gefahren von Weltkriegsmunition in der Nordsee

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Appetit auf Kabeljau, Makrele oder Sprotte mag beim Gedanken an das, was auf dem Boden der Nordsee liegt, gründlich vergehen. Auch beim Durchdenken eines Szenarios, das nach Überzeugung von Experten droht. Auf dem Meeresgrund schreitet die Korrosion scharfer Granaten, Minen und anderer Geschosse unaufhaltsam fort. Die Munition, nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem von der britischen und der US-amerikanischen Besatzungsmacht im Meer »entsorgt«, wird nach mehr als sieben Jahrzehnten löchrig. Sprengstoff tritt aus, zum Beispiel das krebserregende Trinitrotoluol (TNT). Die giftige Substanz wird von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen und kann so schließlich auf unseren Tellern landen.

Wie können die Menschen vor dieser Gefahr geschützt werden? Wo liegen nicht nur »verklappte« Kampfmittel auf dem Meeresgrund, sondern auch solche, die im Verlauf von Gefechten während des Zweiten, aber auch des Ersten Weltkriegs zusammen mit Schiffen oder abgeschossenen Flugzeugen versunken sind? Wie lässt sich aufgespürte Munition gefahrfrei bergen? Solche Fragen will ein Team von Wissenschaftlern aus acht europäischen Nationen beantworten, das jetzt ein entsprechendes Forschungsprojekt gestartet hat.

Vergangenen Freitag wurde es im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum unter dem Arbeitstitel »North Sea Wrecks« vorgestellt. Das Museum hat die Koordination der auf vier Jahre angelegten, von der EU geförderten umfangreichen Untersuchungen übernommen und unterstützt etwa mit seinem Kartenmaterial die Arbeit der Forscher, die unter anderem aus Deutschland, Belgien, Dänemark und den Niederlanden kommen. Offiziellen Schätzungen zufolge ist von 1,3 Millionen Tonnen auf dem Grund der Nordsee ruhender Weltkriegsmunition auszugehen.

Je länger Bomben, Torpedos und Co. dort liegen, desto gefährlicher werden sie. Zum einen, weil sie detonieren können, zum anderen aufgrund von Durchrostungen und frei werdenden Explosionsstoffen. Ob und wie diese sich auf Meerestiere auswirken und dann über die Nahrungskette auch Menschen in Gefahr bringen können, soll unter anderem im Umfeld eines Wracks ermittelt werden. Wissenschaftler werden dort ausgesetzte Muscheln sowie Plattfische unter anderem auf Gewebeveränderungen untersuchen, wie der Meeresbiologe Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut erläuterte. Die Plattfische würden auf Tumore an Leber und Nieren überprüft.

Ähnliche Untersuchungen sind bereits in der Ostsee unweit der Küste Schleswig-Holsteins gelaufen, beispielsweise in der Kieler Außenförde, in einem Bereich, in dem nach Kriegsende große Mengen Munition versenkt worden waren. Bei 25 Prozent der dort eingesetzten Plattfische wurden nach einer gewissen Zeit Lebertumore diagnostiziert, berichteten Wissenschaftler im vergangenen Jahr auf einer Fachkonferenz in Rostock-Warnemünde.

Die dort gewonnenen Erkenntnisse lassen sich allerdings, was das Gefährdungspotenzial der Kampfmittel betrifft, nicht ohne Weiteres auf die Nordsee übertragen. Denn deren Dynamik ist viel intensiver als die der Ostsee. Sie sei viel rauer, erläuterte Sunhild Kleingärtner, Leiterin des Schifffahrtsmuseums, bei der Vorstellung des Projekts. Der Seegang verstärke den Abrieb an rostigem Metall: »Das ist wie bei Schmirgelpapier.« Die Ummantelung des Kriegsschrotts werde folglich immer dünner. Deshalb bestehe dringenderer Handlungsbedarf als in der Ostsee, betonte die Museumschefin. Nicht überall werde es möglich sein, die Munition zu bergen. Das werde unter anderem Folgen für den Tourismus haben. In den betroffenen Gebieten sollten dann »lieber nur noch Schiffe mit geringem Tiefgang fahren«, meinte sie.

Kleingärtner kündigte auch eine Wanderausstellung zum Forschungsprojekt an. Sie soll nach dessen Abschluss auf Tour durch Europa gehen. So wolle man die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren.

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