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Wütend sein ist manchmal der erste Schritt der Veränderung

In Nordrhein-Westfalen vernetzt sich der Protest im Gesundheitswesen

  • Von Britta Rybicki
  • Lesedauer: 3 Min.

»Eine Meinung ist keine Tatsache und eine Perspektive keine Wahrheit. Wir müssen mutiger, lauter und dadurch sichtbar werden«, Christine Donner, Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes für Ergotherapeuten in Deutschland, spricht an diesem Abend das begrüßende Wort. Die Stuhlreihen im Saal des Duisburger Ortsbüros sind fast alle besetzt. Etwa 50 Besucher sind der Einladung der Grünen nachgekommen. Sie möchten die Basis einer NRW-weiten Interessenvertretung für Heilmittelerbringer bilden. Dazu zählen Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, Podologen und Diätassistenten.

Neben Donner sitzen nehmen Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, und Heiko Schneider, Initiator von »Therapeuten am Limit«, auf dem Podium. Bevor es zu einem Austausch zwischen Politikern und Betroffenen kommt, wendet Klein-Schmeink sich in einer Rede an die Anwesenden. Sie verstehe ihre Sorgen über den Fachkräftemangel, veraltete Ausbildungsinhalte, eine geringe Vergütung durch die Krankenkassen und fehlende Wertschätzung seitens der Gesundheitspolitik, die zu dem gefährlichen Abbau der therapeutischen Angebote führen würden. »Diese Berufe haben mich an ihrer Seite. Ich weiß, dass sie echte Taten von der Politik sehen wollen«, sagt die Bundestagsabgeordnete.

Ihr Applaus ist eher mäßig, die angespannten Gesichtsausdrücke der Anwesenden unverändert. Das Mikro wird durch die Sitzreihen gereicht und landet bei einer Physiotherapeutin: »Besonders frustrierend ist, dass wir Fehler von Ärzten und Kassen ausbaden müssen.« Denn ein falsches Kreuz des Arztes könnte bedeuten, dass Therapeuten in Leistung gehen, noch bevor die Krankenkassen den Fehler erkennen. »Dann werden wir nicht bezahlt.« Die Kollegen stimmen der Rednerin kopfnickend zu. »Auch deswegen muss ich meine Praxis schließen. Übrigens die Siebte im vergangenen Jahr, die in Frankfurt insolvent gegangen ist«, sagt Schneider. Als Angestellter würde er auch nicht mehr als 2.300 Euro brutto verdienen. »Mit diesem Gehalt können wir weder für unsere Familien, noch für unsere Renten sorgen«, ergänzt Schneider.

In Planungsunsicherheit befindet sich auch Karina Kloos. Die 23-Jährige macht eine Ausbildung zur Ergotherapeutin und hat wenige Stunden zuvor von ihrer Schulleitung erfahren, dass sie mit den vollen 400 Euro monatlich weiterhin in Vorkasse treten muss. Laut der neuen Förderrichtlinie, die das Gesundheitsministerium vergangenen Freitag erlassen hatte, sollte Schulen rückwirkend ab dem 1. September 70 Prozent des Schulgeldes erstattet werden. »Dafür muss aber einen Antrag gestellt, in dem alle Schüler und ihre Beiträge erfasst werden«, so Kloos. Der dann an die Bezirksregierung und danach an das Ministerium weitergeleitet wird. Diese Überprüfung soll jedes Quartal erfolgen, wodurch erst nachträglich Geld an die Schulen fließt. Durch den gestellten Antrag dürften die Schulen nicht mehr als 30 Prozent des Schulgeldes von den Schülern verlangen. »Unsere Schule ist aber kein Unternehmen mit Millionen im Hintergrund, von denen sie weiterhin Miete und Dozenten bezahlen kann. Ihr fehlen die 70 Prozent des Geldes«, sagt Kloos. Die meisten hätten ohnehin schon Insolvenz angemeldet. »Ich bin mal gespannt, ob das Bafög-Amt anderen abkauft, dass sie drei Monate Unterstützung brauchen.«

Wütend sein sei manchmal der erste Schritt von einer Veränderung, meint die Logopädin Dea Heibel. Dass von 300.000 Heilmittelerbringern in Deutschland nur wenige an Protesten teilnehmen, sei vor allem ihrer prekären Lage geschuldet. »Die meisten Therapeuten sind alleinerziehende Frauen, die nicht für einen Tag ihre Praxis schließen können, um auf der Straße Flyer zu verteilen.« Außerdem sei es auch ein Protest der Patienten. »Wir sollten die Scheiben für einen Tag mit dunkler Pappe abkleben, die Aktionen in unsere Praxen verlegen und unsere Arbeit einbeziehen«, schlägt Heibel vor. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit könnte man schließlich schon dadurch für sich gewinnen.

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