Liebenswert schnauzig

Ein Glückwunsch für Cornelia Froebess

Von Hans-Dieter Schütt

Ihr Spiel kann fließend weh und weich sein, aber im nächsten Moment, im harten Bruch, schmutzig zersprengen. »Die eine und die andere« heißt das Stück von Botho Strauß, Dieter Dorn inszenierte es vor Jahren am Residenztheater München, Cornelia Froboess als Kleinunternehmerin Insa, Gisela Stein als Journalistin Lissie.

Die Froboess lautstark illusionstapfer und angestrengt aggressiv, ein schnauziges Spiel über psychische Reizungen in einer Verlustwelt. Sie spielt Erdung, aber da ist auch eine selbstverständliche Bindung an jenes Unsichtbare, das durch unsere Vorstellungswelten, ja: geistert. Das durch uns hindurchgeht. Das in den Lüften sich ankündigt, die wir atmen. Mit dem wir zeitenübergreifend codiert sind und das uns immer auch zu Unbekannten unserer selbst macht.

Froboess kann das: Luftgeister der Fantasieabgründe treffen sich mit Poltergeistern des Boulevards. Für Thomas Langhoff war sie eine seiner Lieblings-Schauspielerinnen. Er sagte über ihre Kunst: »Erstaunlich, welche Regungen noch im Hintergrund des Auges sichtbar werden.« In seiner Strindberg-Inszenierung »Der Vater«, ebenfalls in München, spielte Froboess die Frau des titelgebenden Rittmeisters. Faszinierend, wie sie der Figur das Geheimnis bewahrte: eine Megäre in Strickjacke, die planvoll den Mann ausschaltet - oder eine Erschrockene, der die Vollstreckungen immer nur unterlaufen?

Bei Langhoff war sie Brechts Mutter Courage, und eine andere Mutter auch, in Hauptmanns »Friedensfest«: eine Ungeliebte, in harsche Einfältigkeit Getauchte namens Minna. Ergreifende, traurigste Komik. Aber dieser Witz wehrte die Verzweiflung nicht ab, sondern machte sie vollkommen.

Die Töne, halb schlesisch, halb berlinisch, zog sie genüsslich breit, in einem Singsang des Selbstmitleids. Wie sie heran- und hinaushuschte und trotzdem nicht unsichtbar wurde; immer in Angst, ihr könne eine Berührung zugemutet werden.

Cornelia Froboess, 1943 in Wriezen geboren, sang als Kind die Schlager-Nationalhymne Westberlins: »Pack die Hose ein« (1951). Später hat sie die Badehose erfolgreich eingepackt und das Gör- und Girl-Image mitsamt Pettycoat abgeschüttelt.

Sie wurde eine der wesentlichen Schauspielerinnen, zwischen Hamburg und Salzburg sorgsam ihre Rollen wählend, bald sehr erfahren in der Weltdramatik zwischen Lessing und Tschechow, Wedekind und O’Neill, Schiller und Shakespeare, Büchner und Pinter.

Eine Formerin, die das aufstörende Gegenspiel der Haltungen liebt, weniger die psychologische Ausmalung eines ganzheitlichen Typs. Schön ihre Unfähigkeit, an den Zwängen des Berufs zu leiden - wo also eine Aufgabe nicht ihrem Niveau entsprach, schaute sie sich um und fand etwas anderes. So wurde auch das Fernsehen des Öfteren um genau dieses Gesicht reicher. Am Sonntag wird Cornelia Froboess 75 Jahre alt.