Brasilien

Die Macht der Bibel

Evangelikale haben entscheidenden Einfluss

Von Niklas Franzen

Der Katholizismus ist in Brasilien seit Jahren im Rückgang begriffen. Mittlerweile verstehen sich bereits 29 Prozent der brasilianischen Bevölkerung als evangelikal. Die Gemeinden haben großen politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Ein Fünftel der Abgeordneten im Parlament zählt sich zur sogenannten evangelikalen Bibel-Lobby. Der evangelikale Sender Record ist das zweitgrößte TV- und Rundfunknetzwerk hinter dem Medienimperium Globo. Und die Bibeltreuen haben mit ihren Heilsversprechen auch viel Zulauf in den vom Staat vernachlässigten Armenvierteln. Da die Gläubigen zehn Prozent ihres Einkommens als Abgabe entrichten müssen, sind die Kirchen auch ein enormer ökonomischer Faktor.

Die meisten Kirchen vertreten ultrareaktionäre Ansichten und treten gegen die Rechte von LGBTI (Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuelle), Abtreibungen und die liberalen Gesellschaften ein. Im diesjährigen Wahlkampf haben die Evangelikalen entscheidenden Einfluss genommen. Als wichtigste evangelikale Kirche gilt die Universalkirche des Königreichs Gottes IURD (Igreja Universal do Reino de Deus), die bis zu 7000 Kirchen in ganz Brasilien betreiben soll. Schätzungen zufolge spülen die Gläubigen durch ihre Abgaben jährlich umgerechnet rund 1,4 Milliarden Euro in die Kassen. Die IURD ist eine mächtige Geldmaschine, die das Fernsehunternehmen Record kontrolliert. Zur selben Zeit, in der die übrigen Kandidat*innen über ihre Wahlprogramme im Fernsehen diskutierten, führte Record ein Exklusivinterview mit dem Präsidentschaftskandidaten und Favoriten Jair Messias Bolsonaro.

Politisch ist die IURD durchaus flexibel. Einst war sie ein wichtiger Verbündeter der Regierung von Dilma Rousseff. Sie brachte sogar zwei Minister im Kabinett der Arbeiterpartei PT unter, die als Minderheitsregierung zu Bündnissen und Zugeständnissen verdammt war: So fanden der Pastor George Hilton als Sportminister und zuvor Marcelo Crivella als Fischereiminister, ein Neffe von Kirchengründer Edir Macedo, und Bischof der IURD, Eingang in die Regierung. Crivella amtiert heute als umstrittener Bürgermeister von Rio de Janeiro.

Die Allianz der Universalkirche des Königreichs Gottes mit der PT ging nach dem Amtsenthebungsverfahren gegen die Ex-Präsidentin Rousseff zu Ende. Die Republikanische Partei Brasiliens (PRB) von Macedo, die mit seiner Kirche verbunden ist, unterstützt in der Stichwahl offen Bolsonaro.