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»Jetzt herrscht Euphorie«

Tischtennistrainer Erik Schreyer über den sensationellen Sprung des Post SV Mühlhausen an die Bundesligaspitze

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 5 Min.

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»neues deutschland«: Sie sind seit vergangener Saison Cheftrainer der Tischtennisspieler von Post SV Mühlhausen. Wie wurde aus dem damals 29-Jährigen der Chefcoach?

Erik Schreyer: Natürlich nicht über Nacht, das hat sich so entwickelt. Die ersten Jahre war ich Spieler hier und habe den Aufstieg von der zweiten in die erste Bundesliga mit vollbracht. Danach durfte ich meine erste Nachwuchsgruppe als Trainer übernehmen und habe schnell gemerkt: Tischtennis ist meine Leidenschaft, und den ganz großen Sprung in die erste Bundesliga werde ich spielerisch nicht schaffen. Also dachte ich mir: Ok, dieser Trainerjob liegt dir, Menschen zu motivieren, dein Wissen weiterzugeben. Ich wurde Co-Trainer und schließlich gab mir der Verein das große Vertrauen: Ich konnte den Cheftrainerposten übernehmen.

Sie sind Tabellenführer in der Bundesliga und nach einem Sieg gegen Hennebont aus Frankreich in der Champions League Gruppenzweiter. Was geht denn noch in dieser Saison für Mühlhausen?

Wie’s aussieht, muss jetzt mal Butter bei die Fische: In der Meisterschaft sind die Playoffs unser großes Ziel. Wer so wie wir in die Saison startet, kann das schaffen, auch wenn es sensationell wäre. In der Champions League wollen wir diesen Gruppenplatz zwei halten, um dann im Viertelfinale noch mal ein Heimspiel zu haben. Wir haben die reale Chance, zu den besten acht Vereinen Europas zu gehören! Manchmal wirkt das alles auf mich ein bisschen irreal.

Ist die Champions League für Sie ein guter Deal oder eher ein Zuschussgeschäft?

(lacht) Interessante Frage. Im Fußball ist die Königsklasse ein lukratives Geschäft, bei uns keinesfalls. Pro Sieg verdienen wir 250 Euro brutto, also pro Gesamtsieg in einem Gruppenspiel. Wir sind Welten davon entfernt, Profit zu machen. Aber wir machen es für uns als Verein, für die Stadt und man merkt doch, dass man so manchen Sponsor noch dazugewinnt, weil: Königsklasse, das ist schon was! Und toller Sport wird immer geboten, ganz ohne Frage.

Welche Rolle spielt für einen Tischtennisbundesligisten der Etat?

Eine wichtige. Er ist stetig gewachsen. Vor zwei, drei Jahren waren wir noch bei der Hälfte der knapp 450 000 Euro von heute - absolut positiv für einen Klub aus so einer kleinen Stadt. Wir heben uns von vielen Bundesligisten ab, weil wir nicht zwei, drei große Sponsoren haben, bei uns zieht die Stadt mit: Viele kleine Sponsoren geben von 100 bis 5000 Euro.

Wo liegt Ihr Etat im Ligavergleich?

Im guten Mittelfeld. Unser großer Vorteil ist aber, dass uns so viele Ehrenamtliche helfen. Vergangenes Wochenende beispielsweise: Freitags Champions League, Samstag dritte Liga, Sonntag erste Bundesliga. Das Aufbauen, Abbauen und auch das Catering haben Ehrenamtler übernommen: Andere Vereine müssen für so etwas Arbeitskräfte einstellen, wir nicht. Darauf sind wir stolz.

Ihr Kader ist international. Wie oft sind die Spieler überhaupt bei Ihnen in Mühlhausen?

Unsere Spitzenspieler sind allesamt Profis, die haben ihre Trainingsgruppen an anderen Orten: In Düsseldorf trainiert Steffen Mengel, unser deutscher Spitzenspieler. Daniel Habesohn aus Österreich ist auch oft in Düsseldorf, trainiert aber auch häufig in Wien. Ovidiu Ionescu hat eine Trainingsgruppe in Bremen, Lubomir Jancarik eine in Tschechien. Zwei Tage vor den Spielen kommen sie aber alle hier nach Mühlhausen und dann steht Feintuning an. Ich will dabei nicht großartig die Technik der Spieler umstellen, sondern meist einfach nur noch etwas an den Kleinigkeiten arbeiten.

Was ist eine Feinheit, an der Sie dann noch arbeiten können?

Zum Beispiel die Motivation. Man darf nicht vergessen: Diese Spieler reisen unglaublich viel. Daniel Habesohn beispielsweise ist Europameister im Doppel, der hat nur zwei Wochenenden im Jahr frei. An den übrigen Tagen sind die Spieler immer unterwegs - bei internationalen Wettkämpfen, bei Ligaspielen oder hier mit Post Mühlhausen auch noch bei Champions-League-Spielen. Da kann es auch mal sein, dass einer im Training ein bisschen durchhängt. Dann arbeite ich mit den Jungs an kleinen Details: Körperspannung beachten, Schlägerhaltung ein bisschen verändern, etwas tiefer runter gehen. Manchmal ähnelt es den Dingen, die ich zu meinen Kindern in der Nachwuchsgruppe sage. Aber es wirkt! Auch in der Bundesliga.

Hilft Ihnen, dass Sie so jung sind?

Man muss sich als Trainer sowieso stetig weiter entwickeln. Zudem spiele ich immer noch beim Training mit. Die Jungs merken dann, dass ich noch relativ fit bin. Unser Riesenvorteil ist wohl, dass wir alle in etwa gleich alt sind. Wir haben ähnliche Ansichten und Interessen - keine Jungspunde dabei und auch keinen Coach, der vielleicht mit 50 oder 60 Jahren ein bisschen weit weg wäre von der Mannschaft. Wir sind eine ganz eingeschworene Truppe.

Was bedeutet der Klub für die Stadt?

Man merkt jetzt, dass zur Zeit richtig Euphorie herrscht. Jeder weiß über den Post SV Bescheid: »Hey, ihr habt am Wochenende wieder toll gespielt!« wird man beim Bäcker oder beim Fleischer angesprochen. Und in Thüringen sind wir neben den Handballerinnen vom THC die einzigen, die Champions League spielen. Das ist schon toll für alle.

Erfolg weckt immer Interesse der Konkurrenz. Wie lange können Sie Ihre Besten beim Verein halten?

Die Spieler fühlen sich hier sehr wohl, manche verzichten vielleicht auch auf den einen oder anderen Euro. Am Sonntag hat Daniel Habesohn, einer der Besten Europas, das letzte Spiel 11:9 im fünften Satz entschieden - mit einem wahnsinnigen Ballwechsel über fast eine Minute. Die Halle tobte, da schnappte sich Präsident Thomas Baier das Mikrofon und rief: »Liebe Zuschauer, ich darf euch verkünden: Daniel Habesohn bleibt noch zwei Jahre länger!« Da hat fast das Hallendach abgehoben. Ein großer Moment.

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