Sonja Bahlk ist vor Kurzem vom klassischen »nd« auf die nd-App umgestiegen.

Ans Gewische muss ich mich gewöhnen

Sonja Bahlk ist mit 83 Jahren von der Printausgabe auf die nd-App umgestiegen

Von Anke Ziebell

So ist das mit dem Vorführeffekt. Sonja Bahlk wischt über ihr Tablet, doch die aktuelle Ausgabe des »nd« will partout nicht auf dem Display erscheinen. Der Bildschirm bleibt schwarz. Geduldig versucht es die 83-Jährige ein zweites, drittes und viertes Mal. Fährt das Tablet runter und wieder hoch. Erfolglos. Erst nach zehn Minuten - als sie schließlich mit einem kurzen Blick auf ihre Fritz-Box den Grund herausgefunden hat - gibt sie sich geschlagen. »Das Internet funktioniert heute nicht richtig«, kommt die Erklärung. »Ich versuch`s eben später noch einmal.«

Seit 1960 ist das »neue deutschland« ihre Tageszeitung. Für die Seniorin ist die tägliche Zeitungslektüre eine Selbstverständlichkeit. Eine halbe Stunde mindestens nimmt sie sich dafür Zeit. Dazu macht sie es sich auf ihrer Couch, der Mittelpunkt ihrer kleinen Wohnung in der Wismarer Altstadt, bequem. Meist liest Kari dann mit, zumindest beäugt ihre Katze recht interessiert das Tablet. Doch mit dieser »Zeitung« kann Kari noch nicht allzu viel anfangen. »Ich bin erst vor zwei Wochen von der gedruckten Ausgabe auf die App umgestiegen«, erzählt Sonja Bahlk. »Es war mir einfach zu viel Papier«, nennt sie den ganz pragmatischen Grund. Außerdem sei sie durchaus technikaffin. Den nd-Newsletter hatte sie ohnehin schon eine Weile abonniert. Warum nicht ganz auf die App umsteigen? Und wenn dann das Internet mitspielt, liest sie auf dem Tablet ihre Zeitung wie eh und je. Nicht von vorn bis hinten, sondern immer ausgewählte Artikel, als Erstes Politik. Auch Wirtschaftsthemen interessieren die ehemalige Schiffbauingenieurin. »Das klappt recht gut. Nur an das Gewische muss ich mich erst noch gewöhnen.« Den Sport überblättere sie meist, es sei denn, es gehe um politische Botschaften. »Doch die Leserbriefe schaue ich mir immer an.« Und Artikel, die sich mit Russland befassen, liest Sonja Bahlk besonders aufmerksam. Hierzu hat die immer noch aktive Linke einen ganz persönlichen Bezug. »Ich habe von 1954 bis 1960 in Leningrad Schiffbau studiert und verfolge natürlich das Geschehen in Russland.«

Nach dem Studium hatte Sonja Bahlk einige Jahre auf der Wismarer Werft als Ingenieurin im Konstruktionsbüro gearbeitet. Mit ganz anderen Aufgaben war sie später als Vorsitzende der Plankommission der Stadt Wismar befasst. 1983 wechselte sie nach Schwerin in das Büro für Territorialplanung. »Dort war für mich Anfang der 90er Jahre Schluss. Schon weil ich damals die Einzige in meinem Büro war, die ihr Parteibuch nicht einfach weggeworfen hat«, erzählt sie in ihrer ruhigen Art. »Glücklicherweise hatte ich damals die Chance, mit 55 Jahren in den Vorruhestand zu gehen. Auch wenn mir das Aufhören sehr schwer gefallen ist.«

Die kräftige Frau lässt sich nicht so leicht unterkriegen. »Ich habe mir andere Aufgaben gesucht, Anfang der 90er die PDS in Schwerin mit aufgebaut, Zeitungen ausgetragen, um etwas dazuzuverdienen.« Später zog sie zu ihrer Tochter nach Holthusen aufs Land. Ihre Hilfe als Oma wurde dort gebraucht. Zurück in Wismar engagierte sie sich wieder mehr bei der LINKEN. Vier Jahre lang war sie gemeinsam mit zwei weiteren Genossinnen ehrenamtlich Geschäftsführerin des Stadtverbandes der LINKEN in Wismar und Mitglied im Kreisvorstand. »Seit ich nicht mehr gut zu Fuß bin« - das Gehen fällt der Seniorin schwer und sie verlässt nur noch in Begleitung das Haus - »unterstütze ich den Geschäftsführer der LINKEN von Nord-West-Mecklenburg in organisatorischen Dingen. Vom PC aus.«

Das politische Geschehen treibt die 83-Jährige, die sich als eine streitbare LINKE sieht, nach wie vor um. Nicht alles an der Entwicklung der LNKEN gefalle ihr. Vor allem die Streitereien würden der Partei nicht guttun. Ein Beispiel sei für sie die Sammlungsbewegung. »Selbstverständlich habe ich mich bei ›Aufstehen‹ angemeldet. Doch die Bewegung ist in meinen Augen nicht aktiv genug. Warum haben sie sich nicht an der großen Demonstration «unteilbar» beteiligt? Das wäre ein notwendiges Bekenntnis.« Auch zum Bedingungslosen Grundeinkommen habe sie ein gespaltenes Verhältnis. »Zwar glaube ich, dass die meisten Menschen weiterhin arbeiten gehen würden, wenn sie ein Grundeinkommen bekämen. Doch jede Arbeit werden sie nicht mehr annehmen. Wer übernimmt dann solch ungeliebte Aufgaben wie Müllabfuhr?«, fragt sich Sonja Bahlk.

Auch wenn die Wohnung für die Seniorin der Dreh- und Angelpunkt ist, Sonja Bahlk ist auf dem Laufenden. Ihr Tor zur Welt ist das Internet. Drei bis vier Stunden verbringt sie täglich am PC. Hält mit ihren Kindern und Enkeln über E-Mail und Telefon Kontakt. Die eine Tochter lebt mit ihrer Familie in Malmö und kommt oft zu Besuch, die andere wohnt eine halbe Stunde von Wismar entfernt auf dem Land und ihr Sohn mit seiner Familie in Rostock. Sogar den wöchentlichen Einkaufszettel schickt sie ihrem Schwiegersohn per E-Mail. Regelmäßig liest sie für ihre Tochter Übersetzungen Korrektur.

Und die Seniorin spielt leidenschaftlich gern, am liebsten Abenteuerspiele, natürlich am PC. Ein schnelleres Tablet könnte sie jetzt gebrauchen. »Vielleicht wünsche ich mir das von meinen Kindern zu Weihnachten.«