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Linkssein bedeutet mehr, als sich nach rechts abzugrenzen

Soll man jetzt lieber nicht mehr die Medien kritisieren, weil das auch die AfD tut? Medienkritik gab es jedoch schon bevor es diese Partei gab – und sie war vornehmlich links.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist keine zwei Wochen her, da gab der Vorstand des FC Bayern München eine Pressekonferenz. Es ging um Respekt, die Herren Rummenigge und Hoeneß forderten ihn für ihre Spieler und ihren Verein. Gemeinhin wurde das als anmaßend wahrgenommen, die Medien zickten rum, wie kommen die beiden eigentlich auf den Trichter, dass ihre Berichterstattung kritisiert werden müsste. Es herrsche doch Meinungsfreiheit.

Hoeneß zählte einige Vorgänge auf, die in letzter Zeit stattfanden, speziell n-tv und Springer wurden aufgrund journalistisch fragwürdiger Methoden zum Gegenstand seines Zorns. An der Stelle lagen die Bayern-Bosse nicht falsch. Die Öffentlichkeit hatte sich da schon ausgeklinkt und war im Empörungsmodus.

Wie gesagt, die Leitmedien fühlten sich in ihrer journalistischen Ehre gekränkt. In den sozialen Netzwerken begegnete mir ein anderes Empörungsmuster: Hoeneß und Rummenigge wandelten angeblich auf den Spuren der AfD. Denn die Presse der Lüge zu bezichtigen, sie zum Schuldigen mustern zu wollen, das kenne man ja wirklich nur von den Rechtspopulisten. In Zeiten wie unseren müsste man da schon vorsichtiger sein, man würde sonst der AfD in die Hände spielen.

Pressekritik ist also plötzlich ein rechtes Metier? Da falle ich ja vom Glauben ab! Die Linken im Lande hat dieses Feld schon beackert, da gab es diese »Alternative« schlechterdings nur als feuchten Traum erzkonservativer Chauvis. Die ersten Jahre der Linkspartei waren eine endlose Ära der Medienkritik – sie wurde kampagnenhaft zum Kampfbund sozialromantischer Ahnungsloser umgedichtet und bekam weniger Redezeit in Talkrunden als die anderen. Man tat (und tut noch immer) in den Leitmedien so, als sei Angebotsökonomie die einzig denkbare volkwirtschaftliche Haltung – diese mediale Verfehlung kritisierten Linke ebenfalls.

Kurz und gut: Wer Kritik an den Medien übte, war üblicherweise jemand aus dem linken Lager. Natürlich sei damit nicht behauptet, dass Hoeneß plötzlich als Linker durchgehen würde. Er hat in den letzten Jahren oft eindeutig Position bezogen – und eine Zelle, weil er Steuern für so ein linkes Ding hielt. Aber nur weil er sich jetzt als »Medienkritiker light« übte, kann man den Mann ebenso wenig als willfährigen Helfer der AfD titulieren.

Es ist noch gar nicht so lange her, da beanstandete ich an dieser Stelle, dass es mit der Parole »Merkel muss weg!« ähnlich lief. Über viele Jahre war das die Überzeugung der Linken im Lande. Austerität und Sozialabbau führten dazu, dass der Ruf, wonach der Bundeskanzlerin ihr Amt weggenommen werden sollte, eine per se linke Angelegenheit war. Erst sehr viel später eigneten sich Pegida und AfD dieses Motto an. Seither tut man plötzlich so, als sei es nicht mehr statthaft, wenn man »Merkel muss weg!« ruft.

Das ist doch echt Wahnsinn! Hier tun ja viele gerade so, als sei die AfD in ein vorher idyllisches Land eingebrochen. Als habe es vor ihr keine Debatten und keine Kritik gegeben. Hinter diesem Verhalten steckt eine verkappte Harmoniesucht, denn indem da manche dieser Partei alles Mögliche zusprechen, ersticken sie die Debattenkultur im Lande nach und nach. Vielleicht nicht absichtlich und wissentlich – aber Unwissenheit schützt auch hier letztlich vor Strafe nicht. Und wir sollten es als Bestrafung betrachten, wenn am Ende nicht mal mehr Medienkritik stattfinden kann, weil nun plötzlich alles Disharmonische im Lande bei der AfD verortet wird.

Mensch, der Alltag war doch vorher schon eine reine Kakophonie. Hass und Wut kannten wir auch schon vorher als Phänomen. Die AfD ist ein Symptom. Ein übles Symptom freilich. Und es lohnt sich, dagegen etwas zu unternehmen. Nur so tun, als habe die AfD nun plötzlich das Land in eine Unsittlichkeit geführt, die es vorher nicht gab, geht einfach in die falsche Richtung. Eben auch, weil man damit Kritik unmöglich macht. Rein aus Gründen der Distinktion zurückzuweichen und Themen ausblenden: So macht man sich entbehrlich. Ich fürchte ja den Tag, an dem ich in meiner Bubble lesen muss, dass man mit der AfD liebäugele, wenn man Mietwucher verurteile, nur weil vielleicht ein AfDler mal eben was in dieser Richtung sagte.

Merkel- und Medienkritik runterschlucken und dabei auf die Rechtspopulisten linsen, die das ja auch – auf ganz andere Weise - machen: So lähmt man den Diskurs und degradiert sich als Linker zum Papiertiger. Und eine gegenüber den Herrschaftsstrukturen unkritische Linke wäre echt ein kritischer Zustand.

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