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Schwere Geburt

In Brandenburg herrscht ein Hebammenmangel, der sich nicht schnell beheben lässt

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Krankenhäuser im Land Brandenburg haben zusammen 211 Hebammen fest angestellt und zusätzlich 52 freiberufliche Hebammen für ihre Kreißsäle unter Vertrag. Eine Abfrage bei den Gesundheitsämtern ergab im vergangenen Jahr, dass dort 398 freiberufliche Hebammen angemeldet sind. Wenn sie nicht stundenweise in Kreißsälen aushelfen, so betreuen sie beispielsweise Hausgeburten, geben Geburtsvorbereitungskurse, machen Besuche am Wochenbett oder leiten junge Mütter bei der Rückbildungsgymnastik an.

Derartige Auskünfte erteilte Sozialministerin Susanna Karawanskij (LINKE) auf zwei verschiedene parlamentarische Anfragen der Landtagsabgeordneten Péter Vida (Freie Wähler) und Andrea Johlige (LINKE). Ob die Hebammen und die von ihnen erbrachten Leistungen ausreichen, den Bedarf in der Geburtshilfe zu decken, könne auf Basis der vorliegenden Daten nicht umfassend eingeschätzt werden, bedauert die Ministerin.

Es gibt aber Anhaltspunkte für einen Fachkräftemangel, der nicht nur in Brandenburg, sondern bundesweit herrscht. Dazu ein Blick über die Landsgrenze nach Berlin. Dort verrät eine Hebamme, die vor einigen Jahren noch über ihre geringen Einkünfte und ihre unverschämt teure Haftpflichtversicherung klagte, nun strahlend, sie verdiene inzwischen so viel wie noch nie. Der Grund dafür: Sie muss sich praktisch keine Sorgen mehr um Konkurrenz machen. Schwangere suchen händeringend nach einer Hebamme, die Zeit für sie hat. Die Folge davon: Die genannte Hebamme kann sich aussuchen, wen sie noch betreut. Köpenick - ist ihr zu weit, Prenzlauer Berg - macht sie prinzipiell nicht mehr, weil ihr die hohen Ansprüche vieler junger Mütter in diesem Szenestadtteil auf den Nerv gehen. Stattdessen nur noch Reinickendorf. In diesem großen Berliner Bezirk kümmert sie sich dann nur um Schwangere, die sie alle bequem mit dem Fahrrad aufsuchen kann.

Statistischer Ausdruck des Hebammenmangels ist die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Ein Engpass besteht, wenn offene Stellen einer Branche durchschnittlich mindestens 150 Tage frei bleiben. In den Pflegeberufen ist die Zeit, in der gemeldete freie Stellen vakant bleiben, seit 2017 um 39 auf 149 Tage gestiegen. Zwölf von 16 Bundesländern attestiert die Arbeitsagentur klar und eindeutig einen Fachkräftemangel in diesem Bereich, darunter Berlin und Brandenburg. Für die übrigen vier Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hamburg werden immerhin Anzeichen für einen Fachkräftemangel registriert.

Dieses Analyseergebnis und die jüngste Entwicklung beim Kreißsaal in Nauen sind für Sozialministerin Karawanskij »deutliche Zeichen dafür, dass zumindest in der stationären Geburtshilfe bei den angestellten Hebammen eine angespannte Fachkräftesituation vorliegt«.

Nachdem von fünf Hebammen am Krankenhaus in Nauen eine kündigte und eine zweite langfristig ausfiel, fehlt der kommunalen Havelland Kliniken GmbH das Personal für ihre beiden Standorte in Nauen und Rathenow. Darum schloss die GmbH am 1. Oktober vorerst ihren Kreißsaal in Nauen.

Die Versorgung der Schwangeren, der jungen Mütter und ihrer Babys werde wegen einerseits wieder steigender Geburtenrate und andererseits vieler alter Hebammen »immer brisanter«, hat die rot-rote Koalition erkannt. Aus diesem Grunde halten SPD und LINKE einen Aktionsplan zur Sicherstellung und dauerhaften Stabilisierung der Hebammenhilfe für dringend erforderlich. Im Rahmen eines solchen Aktionsplans sind acht Maßnahmen vorgesehen, darunter ein Gutachten, eine regelmäßige Datenerfassung, ein Hebammensuch- und -vermittlungsportal im Internet, Starthilfen und Fördergeld für die Fortbildung. Allein 140 000 Euro für Sachverständige und ihre Analysen haben die Koalitionsfraktionen in den Entwurf des Doppelhaushalts 2019/2020 hineingeschrieben und dazu 628 800 Euro an Fördermitteln. Am Montag wurde dies so im Sozialausschuss abgesegnet.

Das Land Brandenburg habe auf den Hebammenmangel bereits reagiert - durch eine Verfünffachung der Ausbildungskapazitäten, erinnert die Abgeordnete Johlige. »Wir werden aber weitere Maßnahmen brauchen.« Darum freut sich Johlige sehr, dass es den Sozialisten in den Haushaltsverhandlungen gelungen sei, Sozialdemokraten »davon zu überzeugen, dass wir ein Hebammenprogramm auflegen«.

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