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Willkommen in der »Nostalkunft«

Der Sechsteiler »Ad Vitamin« inszeniert eine Zukunft, in der der Tod besiegt und dadurch das Leben entwertet wurde

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Wer in der Vergangenheit ein Bild unserer Gegenwart kreierte, ließ Autos fliegen, Roboter lieben, Dinge reden. Doch während die Technik der Science-Fiction gern 23. Jahrhundert spielte, ging es sozial oft zurück in vormoderne Zeiten - nur dass dort Computer statt Könige regieren. Auf Arte dagegen sieht die Zukunft anders aus. Autos fahren, Roboter rechnen, selbst Alexa schweigt. Alles wie 2018. Wäre nicht die Lebensspanne. Wie alt er denn sei, will das Objekt der Begierde des Polizisten Darius am Tresen einer zeitlosen Bar wissen: 80, 99?

»119«, antwortet der Mann mit der Haut eines Thirtysomethings und landet mit seiner Eroberung im Bett, der man die Hälfte ihrer angeblich 69 Jahre nicht ansieht. Kein Wunder: Im französischen Sechsteiler »Ad Vitamin« bewohnen sie eine Art Retrofutur 2, das den Tod abgeschafft hat. Schuld sind Regenerierungsbäder, in denen die Zellen genetisch makelloser Menschen verjüngt werden. Eine Japanerin etwa, deren Rekordgeburtstag weltweit gefeiert wird, ist trotz ihrer 169 Lenze frisch wie der junge Tag. Und sie darf ihn sogar ohne den Giftregen faschistoider Endzeitsysteme von »Blade Runner« bis »Tribute von Panem« genießen.

Oberflächlich entwirft Regisseur Thomas Cailley, der auch das Drehbuch geschrieben hat, also eine rosige Utopie. Unter der technikgläubigen Oberfläche lauert jedoch die Dystopie maximaler Perfektionierung. Denn was bitte macht es mit einer geburtskontrollierten Gesellschaft, in der die Alten nicht nur immer älter, sondern immer mehr werden und die Jungen nur ein Recht aufs ewige Leben erhalten, wenn sie sich dessen würdig erweisen, also demütig, brav und gesund sind? Genau: Letztere revoltieren gegen Erstere, in diesem Fall: mit Suizid, organisiert durch eine Widerstandsgruppe, die den Jugendwahn bereits zehn Jahre zuvor durch kollektive Selbsttötung unterwandert hatte. Als das Meer sieben Jugendliche tot an Land spült, schleust Kommissar Darius daher Christa, eine Überlebende des Massensterbens in die Gruppe ein. Und man kann Cailley kaum genug danken, dass er Christa nicht mit einer TV-Schönheit, sondern mit der schluffigen Garance Marillier besetzt hat. Der Trübsinn ihrer alten Seele im naturjungen Körper kommt aber erst im Kontrast mit Yvan Attal als viriler Greis richtig zur Geltung, dessen alter Geist im kunstjungen Leib von selbstironischer Maskulinität ist. Mit mimischem Aufwand nahe der Vereisung legen beide die Widersprüche einer Alterspyramide offen, die der christlichen Lehre vom ewigen Leben insofern nahekommt, als dass Selbsttötern viel Heimtücke unterstellt wird - ähnlich wie im Mittelalter, wo sie jenseits der Friedhofsmauer verscharrt wurden, nur dass es in der »Nostalkunft« von »Ad Vitamin« keine Gräber mehr gibt.

»Es kam eh keiner mehr her«, sagt Darius nüchtern, als Christa sich über den planierten Friedhof ihrer Jugend wundert. Ohne den Zwang zum Haushalten mit Lebenszeit verliert die Gesellschaft neben dem Antrieb zur Kreativität offenbar alle Empathie.

Arte, ab 8. November, Doppelfolgen jeweils Donnerstag, 20.15 Uhr. In der Arte-Mediathek verfügbar bis zum 7. Dezember 2018.

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