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Masse und Macht

Die aktiven Fans von Hertha BSC und die Vereinsführung bleiben auf Konfrontationskurs

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

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Protest der Hertha-Fans gegen die Maßnahmen des eigenen Klubs beim Spiel gegen Leipzig
Protest der Hertha-Fans gegen die Maßnahmen des eigenen Klubs beim Spiel gegen Leipzig

Vom Schweigen und Reden handeln viele Vergleiche. Einen starken zog Stanislaw Jerzy Lec 1957: »Manchmal muss man verstummen, um gehört zu werden.« Dem Rat des polnischen Schriftstellers folgten am vergangenen Wochenende Tausende Fans von Hertha BSC. Als »Friedhofsstimmung« bezeichnete der Berliner Trainer Pal Dardai die Atmosphäre im mit 50 000 Zuschauern gefüllten Olympiastadion: kein Gesang, keine Anfeuerung. Dass nicht mal gejubelt wurde, lag an den Berliner Fußballern: kein Tor, eine Niederlage.

Der Stimmungsboykott galt ausnahmsweise nicht dem von Red Bull finanzierten, ungeliebten Gegner aus Leipzig, sondern der eigenen Vereinsführung. Die hatte nach den Ausschreitungen beim Spiel der Berliner am vorangegangen Wochenende in Dortmund »Banner, Spruchbänder, Blockfahnen und Doppelhalter« bis auf Weiteres im Olympiastadion verboten, auch im Gästebereich.

Diese Maßnahme allein ist es nicht, die die Spannungen zwischen Fans und Verein verstärkt haben. Vor dem Anpfiff und nach dem Abpfiff protestierte die Ostkurve, Heimat der Ultras im Olympiastadion, mit einem kleinen Transparent: »Gegen Kollektivstrafen!« Dass diese selbst vom Deutschen Fußball-Bund nicht mehr verhängt werden, sagt Einiges. Die Widersprüchlichkeit im Handeln des Vereins dokumentierte der Förderkreis Ostkurve in einer Mitteilung mit einem Zitat von der Internetseite von Hertha BSC: »Wir sind weit von einer Pauschalverantwortung aller Fans bei Verfehlungen Einzelner entfernt. Der individuelle Umgang - also die Betrachtung des Einzelfalls - steht im Fokus und ist wichtiger Bestandteil um Umgang mit den Fans.«

Ausgangspunkt waren die Vorkommnisse in Dortmund. Unter den mitgereisten Berliner Fans war auch die Ultragruppe Hauptstadtmafia. Die feierte ihr 15-jähriges Bestehen mit Pyrotechnik. Ja, das ist in deutschen Fußballstadien verboten, dennoch aber jedes Wochenende zu sehen. Weil aber die Dortmunder Polizei sich nicht darauf beschränkte, wie sonst überall üblich, für nachträgliche Ermittlungen mit ihren hochauflösenden Kameras zu filmen, sondern das Banner beschlagnahmen wollte, eskalierte die Situation. »Als einige Fans dies verhindern wollten, sorgte die Polizei mit Pfefferspray und Schlagstock auf einen Schlag für mehr Verletzte, als im Westfalenstadion vermutlich jemals durch Pyrotechnik verursacht wurden«, erklärte die Dortmunder Fanhilfe danach. Das Ergebnis: fünf verletzte Polizisten, 45 verletzte Fans - zehn davon durch Pfefferspray, der Rest durch Gewaltanwendung durch die Polizei.

In einem hat Michael Preetz recht. »Gewalt mit einem möglicherweise unverhältnismäßigen Einsatz der Polizei zu rechtfertigen, das muss mir mal einer erklären«, äußerte der Hertha-Manager sein Unverständnis. Dass Fans mit Plastikstangen ihr Banner gegen Polizisten verteidigen oder, wie danach geschehen, Sanitäranlagen zerstören, sind Bilder, die ihrem eigenen Anliegen schaden. Dennoch fühlten sie sich vom Verein auch in dieser Hinsicht im Stich gelassen. »Der Polizei Dortmund wurde blind vertraut«, kritisiert die Ostkurve in ihrer Mitteilung die undifferenzierte Aufarbeitung des Vereins. Und damit gleichzeitig das Vorgehen der Polizei.

»Der Einsatz war geradezu zwingend. Es ging um die Verhinderung von Straftaten«, rechtfertigte der Dortmunder Polizeipräsident später auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz den Einsatz. Welche Straftaten? Diese Frage ist noch immer unbeantwortet. Das alleinige Abbrennen von Pyrotechnik jedenfalls geht in den meisten Fällen als Ordnungswidrigkeit durch - gemessen an der gängigen Urteilspraxis von Gerichten und den Einschätzungen von Staatsanwaltschaften.

Anhaltspunkte, um zumindest über eine durch die Polizei bewusst herbeigeführte Eskalation nachzudenken, gibt es einige. Nicht nur der fragwürdige Vorwurf von möglichen Straftaten. Auch: Das Gruppenbanner ist den Ultras heilig. Ein ungeschriebenes Gesetz sieht bei Verlust gar die Auflösung der Gruppe vor. Das Jubiläumsbanner der Hauptstadtmafia wurde nach der Choreografie eingerollt und vor den Block gelegt. Dann kam die Polizei. »Auch viele Polizeibeamte äußerten uns gegenüber ihr Unverständnis über diesen Einsatz«, teilte das Fanprojekt Dortmund mit.

Michael Preetz urteilte lieber schnell. Und nicht nur das. Auf die Frage, wie das Problem zu lösen sei, antwortete er: »Es kann nur ein Zusammenwirken von Vereinen, Politik und Polizei sein.« Die Fans, deren Großteil nachweislich friedlich ist, hat er vergessen. Das ist der im Fußball allgemeine Konflikt zwischen Macht und Masse. Auch bei Themen wie Tradition, Teilhabe oder Kommerzialisierung. Bei Hertha BSC im Speziellen hat er dazu geführt, dass die Ultras den Dialog mit der Vereinsführung schon vor längerer Zeit abgebrochen haben. Ständig neue Imagekampagnen, eine neue Stadionhymne, Trikots nicht in den Vereinsfarben: Auf Faninteressen wurde aus ihrer Sicht kaum Rücksicht genommen. Eine Chance auf Annäherung bot der vergangene Donnerstag. Ein Gespräch am runden Tisch, an dem sich auch Ultras beteiligen wollten, war vereinbart. Dann aber forderte der Klub plötzlich als Bedingung dafür eine Vorabaussprache mit den Ultras über die Vorfälle in Dortmund. Das nennt die Ostkurve »Erpressung« und lehnte ab. Reden ist bei Hertha BSC also weiterhin Silber.

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