Werbung

Die Zäsur

Gedenkorte erinnern im Berliner Stadtbild an die schicksalhaften Novemberpogrome 1938

  • Von Jérôme Lombard (Text) und Ulli Winkler (Fotos)
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ein Mann steht am 09.11.2016 nach einer Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an die Pogrome vom 9. November 1938 im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin vor einer Gedenkmauer, auf der die Namen von Konzentrationslagern sowie von Ghettos stehen.
Ein Mann steht am 09.11.2016 nach einer Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an die Pogrome vom 9. November 1938 im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin vor einer Gedenkmauer, auf der die Namen von Konzentrationslagern sowie von Ghettos stehen.

Hausvogteiplatz

09. November: Die Zäsur

Am 9. November 1938 brannte es auf dem Hausvogteiplatz lichterloh. Es waren keine Bücher, die die uniformierten Trupps von SA-Männern im Herzen der deutschen Hauptstadt vor den Augen der Öffentlichkeit den Flammen zum Fraß vorwarfen. Was hier brannte, waren Wintermäntel, Anzüge und Abendkleider. Die Kleidungsstücke waren von den Nationalsozialisten zuvor aus den Fenstern der angrenzenden Modehäuser und Kleidungsfabriken geworfen worden.

Die Gewalt des Novemberpogroms setzte der stolzen Tradition der jüdischen Schneider und Kleidermacher, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts am Hausvogteiplatz und den angrenzenden Straßenzügen angesiedelt hatten, ein abruptes Ende. Unter der Herrschaft des NS-Regimes wurden die über Berlins Stadtgrenzen hinaus bekannten Modebetriebe wie die von Herrmann Gerson und Nathan Israel, die spätestens ab den 1920er-Jahren maßgeblich den Ruf der Hauptstadt als Konfektionsmetropole geprägt hatten, geschlossen oder »arisiert«. Die jüdischen Modemacher wurden verhaftet, vertrieben oder ermordet.

Seit dem Jahr 2000 erinnert das »Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz« an das Schicksal der jüdischen Konfektionäre und der Beschäftigten der Berliner Modeindustrie. Die angedeuteten Kleiderspiegel weisen auf die einst blühende Konfektionsindustrie hin. Auf der Rückseite der Spiegel lassen sich Informationen zu den vertriebenen Geschäftsleuten finden.

Oranienburger Straße

09. November: Die Zäsur

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße 30 in Mitte gehört mit ihrer weithin sichtbaren Kuppel zu den Wahrzeichen der Stadt. Im maurischen Stil wurde sie zwischen 1859 und 1866 nach den Entwürfen des Berliner Architekten Eduard Knoblauch erbaut. Als Vorbild diente die Alhambra von Granada. Mit der Eröffnung galt das Bauwerk als die damals größte Synagoge in Deutschland. Sie war ein Zentrum des reformorientierten Judentums.

Am 9. November 1938 stürmten Trupps von SA-Männern in die Neue Synagoge und legten Feuer. Doch das Gebäude konnte in der Nacht vor größeren Zerstörungen bewahrt werden. Das lag am beherzten Eingreifen des Vorstehers des zuständigen Polizeireviers Wilhelm Krützfeld. Mit vorgehaltener Pistole zwang er zusammen mit weiteren Beamten die marodierenden SA-Männer zum Verlassen des Gebäudes. Krützfeld stellte die Synagoge unter polizeilichen Schutz und beorderte die Feuerwehr zur Brandstelle. Krützfeld wurde für seine mutige Zivilcourage vom damaligen Polizeipräsidenten gemaßregelt. Härtere Sanktionen blieben aus.

Bei einem Bombenangriff 1943 wurde die Neue Synagoge schwer beschädigt und brannte aus. Mit Gründung der Stiftung »Neue Synagoge - Centrum Judaicum« begann 1988 der Wiederaufbau des Fassadenflügels. Heute sind in dem Gebäude eine Ausstellung sowie Büroräume der Jüdischen Gemeinde untergebracht.

Düppelstraße

09. November: Die Zäsur

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen, lebten in Steglitz im Südwesten Berlins mehr als 3000 Juden. Seit 1897 gab es in der Bergstraße 22 (heute Düppelstraße 41) eine kleine Synagoge. Gegründet wurden sie von mehreren Familien, die sich zum Religiösen Verein jüdischer Glaubensgenossen zusammengeschlossen hatten. Stifter der Synagoge war der jüdische Kaufmann Moses Wolfenstein. Dieser hatte einen Stall auf seinem Grundstück zum Gotteshaus umbauen lassen.

In der Reichspogromnacht am 9. November wurde die Synagoge von SA-Einheiten verwüstet und ausgeraubt. Da sich das Gebäude in einem dichtbewohnten Viertel und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Tischlerei befand, wurde das Gotteshaus jedoch nicht in Brand gesteckt. Das Grundstück wurde von den Nationalsozialisten »arisiert«, die ehemalige Synagoge als Lagerraum genutzt. 1946 wurden die Räume der Synagoge zur Privatnutzung instand gesetzt. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz, ist aber für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das ehemalige Eingangsportal ist bis heute sichtbar.

Friedrichstraße

09. November: Die Zäsur

Direkt neben dem Bahnhof Friedrichstraße an der Kreuzung Georgenstraße/Friedrichstraße befindet sich eine nahezu lebensgroß gestaltete Kindergruppe aus Bronze. Zwei der Kinder lachen. Neben ihnen stehen gepackte Koffer, hoffnungsvoll blicken sie in Richtung Westen. Die anderen fünf Figuren hingegen schauen voller Angst in die entgegengesetzte Himmelsrichtung. Der Junge mit dem Koffer in der Hand und das Mädchen mit dem Schulranzen stehen für die Geretteten. Die anderen fünf Mädchen und Jungen sollen die 1,5 Millionen Kinder symbolisieren, die von den Nazis in den Konzentrations- und Vernichtungslagern im Osten ermordet wurden.

»Züge in das Leben - Züge in den Tod: 1938-1939«, so lautet der offizielle Titel der Plastik, die der britisch-israelische Bildhauer Frank Meisler geschaffen hat. Sie soll an die mehr als 10 000 überwiegend jüdischen Kinder aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen erinnern, die unmittelbar nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 mit den sogenannten Kindertransporten aus dem Deutschen Reich nach Großbritannien emigrieren konnten. Die Kinder kamen in Heimen oder in britischen Familien unter und entkamen so dem sicheren Tod. Viele von ihnen haben ihre leiblichen Eltern niemals wieder gesehen. An der Liverpool Street Station in London, jenem Bahnhof, an dem die Kinder damals nach ihrer Überfahrt von den Niederlanden über die Hafenstadt Harwich eintrafen, steht ein entsprechendes Pendant.

Fasanenstraße

09. November: Die Zäsur

Neben der Neuen Synagoge in Mitte war die von dem Architekten Ehrenfried Hessel entworfene und 1912 eingeweihte liberale Synagoge in der Fasanenstraße in Charlottenburg das berühmteste jüdische Gotteshaus Berlins. Der dreischiffige Monumentalbau mit Tonnengewölbe und mehreren Kuppeln im byzantinischen Stil war seinerzeit nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa bekannt. Die Synagoge bot Platz für bis zu 2000 Gläubige.

In der Reichspogromnacht stürmten mit Eisenstangen und Knüppeln bewaffnete SA-Männer die Synagoge und legten Feuer. Von Passanten herbeigerufene Polizeieinheiten griffen nicht ein. Die Feuerwehr wurde von der SA am Löschen der Flammen gehindert. Die Synagoge wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November schwer beschädigt und brannte aus. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude durch Bomben weiter zerstört. In den Jahren 1957/58 wurde die Ruine vollständig abgerissen.

Am ehemaligen Standort der Synagoge bauten Dieter Knoblauch und Hans Heise 1958/60 das Jüdische Gemeindehaus für die Gemeinde im damaligen West-Berlin. Mit der Jüdischen Volkshochschule, einer mehrsprachigen Bibliothek sowie einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm ist das Haus heute einer der Mittelpunkte des jüdischen Lebens in der Hauptstadt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen