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  • Kultur
  • Spiel mir das Lied vom Tod

Den Bildern Klang geben

Der Filmmusikkomponist Ennio Morricone wird 90

  • Von Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im Moment seines Todes haucht der Bösewicht Frank (Henry Fonda) in Sergio Leones filmischem Meisterwerk »Once Upon a Time in the West« (Deutsch: »Spiel mir das Lied vom Tod«), zu dem Ennio Morricone die meisterliche Musik schrieb, seinen letzten Atem durch die Mundharmonika aus.
Im Moment seines Todes haucht der Bösewicht Frank (Henry Fonda) in Sergio Leones filmischem Meisterwerk »Once Upon a Time in the West« (Deutsch: »Spiel mir das Lied vom Tod«), zu dem Ennio Morricone die meisterliche Musik schrieb, seinen letzten Atem durch die Mundharmonika aus.

Tonträger mit Filmsoundtracks gibt es im Überfluss. Zum 90. Geburtstag des Filmmusikkomponisten Ennio Morricone sind gleich mehrere Platten auf dem Markt gekommen. Die kuriosesten Aufnahmen kommen da ans Licht oder erscheinen in Neuauflage: Eine Platte bietet Soundtracks gleich mehrerer, wie es heißt, »Komponistenlegenden«. Ennio Morricone, Nino Rota, Sonny Bono und Bernard Herrmann heißen sie und genießen »Kultstatus«. Was da anzuhören ist, ist zum Wegrennen - eine Trauerromanze kann im Filmzusammenhang durchaus Sinn ergeben. Isoliert gespielt stiftet sie aber Verwirrung und Abwehr; Absprengungen aus Zirkus, Horror und Crime klingen in einigen Nummern wie das Gekreisch von Ratten. Trotzdem, selbst in Morricone-Soundtracks, bleiben Unterschichten erhalten. Sie machen hellhörig und sagen, der Mann ist allemal mehr als ein Lieferant von gewünschter Musik. In besseren Nummern drehen sich die Klänge wie das Karussell auf den Jahrmärkten. Aus Geräuschen gezauberter Grusel á la Hitchcock (»Die Vögel«) erscheint in raffinierter Kombinatorik; auch Absprengungen von Volksmusik der Höfe, der Gärten, der Berge treten hervor.

Das Filmgeschäft wäre keines, flösse nicht Geld im Übermaß und gäbe es keine Konjunkturen und Krisen der Produktion, würden die Cineasten nicht grau vor lauter Aufzehrung und der angstvollen Erwartung, ihr eben fertiger Film möge die Kassen füllen. Eingeschnürt in diesem Korsett waren auch die Filmkomponisten und sind es heute noch. Unter ihnen Ennio Morricone, die wohl größte lebende Berühmtheit der Filmmusik. Auf einem Foto blickt er skeptisch wie ein Kardinal in Zivil, der darauf wartet, von Gott zum Papst bestimmt zu werden. Seine Augen sprechen: Wo bin ich? Was geht vor in der Welt? Taugt meine Musik noch? Ist sie vergessen? Vielleicht stimmt es sogar mit dem »Papst der Filmmusik«, ein Titel, den ihm Enthusiasten der Filmbranche allzu gerne anheften. Denn mit populären Filmen wurde auch Morricones Filmmusik populär, obwohl die meisten der Millionen Zuschauer kaum seinen Namen kannten. Und da sich Morricone ausgezeichnet darauf verstand, den Bildern Klang zu geben und zugleich aus den Bildern Klang zu schöpfen, rissen sich die Regisseure nach ihm - darunter die namhaften Italiener Pasolini, Bertolucci, Leone und internationale Regiestars wie Francis Ford Coppola und Quentin Tarantino.

Sergio Leone verhalf ihm mit publikumswirksamen Italo-Western, 30 an der Zahl, zu außerordentlichen Ehren. Die Filme sind an sich ungenießbar. Sie zeigen auf italienisch, was der Hollywood-Streifen »12 Uhr mittags« mit Gary Cooper ungleich besser konnte. Mit einer Ausnahme: »Spiel mir das Lied vom Tod« (1968), ein Renner, typischerweise viel erfolgreicher in Europa als in den USA. Berühmt geworden ist das Morricone-Duell, Ziehharmonika gegen Frank. Der Bahnhof ist Kristallisationspunkt. Ein Mestize mit Hut und Ziehharmonika, auf Rachefeldzug, steigt aus und schießt die auf ihn wartenden drei Gangster in einem Zuge nieder. Wer die gestreckte, hallige, leitmotivisch wiederkehrende Ziehharmonika-Melodie einmal aufgeschlossen hat, dem dürfte sie nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen. Das ist ein Sirenenklang, der alles andere will, als den Ohren zu schmeicheln; der Spannung anschwellen lässt, Erwartung und Angst in sich trägt, unnachahmlich, unwiederholbar das Motiv, einfach genial. Kein anderer Filmkomponist dürfte je solche Wirkung erzielt haben.

Ennio Morricone
Ennio Morricone

Ennio Morricone ist waschechter Römer, dort geboren am 10. November 1928. Mussolini war an der Macht, und nach dem die widerständigen Italiener den Faschisten außer Landes gejagt hatten, hob Morricone an, sein Schicksal wider alles Päpstliche selber in die Hand zu nehmen. Er studiert Komposition am Konservatorium von Santa Cecilia bei Goffredo Petrassi, einem Neutöner. Überdies belegt er die Fächer Trompete und Dirigieren. Früh gestaltet er Radioprogramme und beschäftigt sich intensiv mit dem Instrumentarium jenseits des Sinfonieorchesters und mit tontechnischen Erfindungen. Folgerichtig komponierte er zunächst Kammer- und Orchestermusik, darunter avancierte Ensemblestücke, von denen einige auf den neueren Platte festgehalten sind. Gleichzeitig arrangiert er für Rundfunk und Platte Popmusik. Alles scheint für ihn möglich, was ihn notwendigerweise zum Film führt.

Ennio Morricone produzierte für etwa 500 Filme die Musik. Vertraut mit jeglichen Techniken von Komposition und Aufnahme, auch den Makeln und Unarten der Branche, entwickelte er die unterschiedlichsten Modelle, Bildsequenzen atmosphärisch-klanglich auszugestalten. Bei ihm singen entlang der eigenen Ideen Abfälle aller Genres und Spielarten. Ohne viel Schminke laufen Klangsegmente verschiedenster Epochen mit. Leichname der Musik, tote wie lebende, lanciert er geschickt in die Tonspur. Als Flickschusterei galt das denen, die Filmmusik schon immer in die populistische Ecke stellten. Den anderen als raffiniert gebaute Bild-Ton-Beziehungen.

Für Morricone gab es keine Schranken. Trennungen zwischen E- und U-Musik erschienen ihm lächerlich. Mit italienischen Avantgardisten stand der junge Komponist auf Du und Du. Dass er sich Kompositionstechniken der Malipiero, Petrassi, Maderna bediente, spricht für seinen Ehrgeiz, die eigene Filmmusik von dem ganzen Wust romantischer Klischees möglichst fernzuhalten, was nicht immer gelang. Zu seinen schönsten Arbeiten zählt die Musik zu Pasolinis Film »Große Vögel, kleine Vögel« (1965). Toto (Vater) und Nino (Sohn) spielen darin die so lustigen wie neugierigen Komödianten. Sie machen sich an der Seite des intelligenten Raben aus dem Lande »Ideologie« auf den Weg, mit den Falken und Spatzen zu reden und ihnen im Auftrag des Heiligen Franziskus zu predigen. Das misslingt gründlich. Der Falke frisst zu ihrem Leidwesen den Spatz und am Ende töten sie die »Ideologie«. So hintersinnig der Streifen, so farbig die Komposition. Der Vorspann, damals eine Neuheit, wird fröhlich gesungen. Verschiedenste Stilmittel schmiegen sich den Wanderungen von Vater und Sohn an: Ein Geigensolo, Lärm einer Glocke, Sequenzen einer Totenmesse, Chöre singen dunkel, Spatzenlärm nährt sich von Winden und fernem Trommelwirbel. Eine nachdenkliche, wunderschöne Arbeit.

Ennio Morricone feiert am morgigen Samstag seinen 90. Geburtstag.

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