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Vorbereitung auf das Schlimmste

Rund um den Gazastreifen treffen Zivilisten auf beiden Seiten Kriegsvorkehrungen

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Gewalt um den Gazastreifen herum ist zurück, mit voller Kraft: Innerhalb nur eines Tages feuerten palästinensische Kampfgruppen mehr als 300 Raketen und Granaten auf die israelischen Dörfer und Städte in der Nähe des dicht bevölkerten Landstrichs ab. Israels Luftwaffe flog Angriffe auf Gebäude, die man der Hamas und dem Islamischen Dschihad zurechnet. Zum Vergleich: Während des vergangenen Gaza-Krieges im Sommer 2014 wurden innerhalb von sieben Wochen knapp 4600 Geschosse auf Israel abgefeuert: Sollte Israels Militär die Angriffe ausweiten, werde man auch erneut die Bevölkerungszentren rund um Tel Aviv angreifen, heißt es in einer Mitteilung der Essedin-al-Kassam-Brigaden, dem bewaffneten Flügel der Hamas.

Zuvor hatten die Kassam-Brigaden in der Nacht eine israelische Spezialeinheit entdeckt; es kam zum Schusswechsel, ein israelischer Oberstleutnant und sieben Kämpfer der Hamas wurden getötet. Mit Einsätzen wie der »Operation Entebbe«, bei der 1976 eine Flugzeugentführung in Uganda beendet wurde, wurden diese Spezialeinheiten legendär. Doch im Gazastreifen werden sie ausgesprochen selten, und dann nur nach intensiver Planung, eingesetzt. So verzichtete man beispielsweise wegen des Risikos der Entdeckung auf eine solche Operation, um den Soldaten Gilad Schalit zu befreien, der jahrelang in Gaza gefangen gehalten wurde.

Die Hamas stellt die missglückte Operation nun als Sieg ihrer Kämpfer über die legendären israelischen Spezialkräfte dar. Gleichzeitig wertet man den Einsatz als »Beginn einer Bodenoffensive« und rechtfertigt damit die Raketenabschüsse: Sollte Israel Truppen in den Gazastreifen schicken, müsse man dazu bereit sein, Gaza vollständig zu besetzen, hatte der Gazachef der Hamas, Jahya Sinwar, vor einigen Wochen in einem Interview gedroht, das auch in der israelischen Zeitung »Jedioth Ahronoth« veröffentlicht worden war.

Die Menschen auf beiden Seiten bereiten sich deshalb nun auf das Schlimmste vor: »Meine Familie und ich überlegen jetzt ständig, wo es einen sicheren Ort für uns geben könnte«, sagt der 38-jährige Ibrahim, Vater von zwei Kindern, am Telefon gegenüber »nd«. Es ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Denn auch vier Jahre nach dem Ende des vergangenen Krieges, trotz versprochener Milliardenunterstützung durch die internationale Gemeinschaft, sind viele Wohngebäude immer noch unbewohnbar, während die Infrastruktur immer maroder wird. Und der Winter steht vor der Tür. In dieser Gegend können die Temperaturen auf fünf bis zehn Grad sinken, während Regenfälle den Unrat der vergangenen Jahre aus jeder Ritze hervorspülen.

Auf der israelischen Seite reagieren die Menschen vor allem mit großer Wut: Ausgerechnet hier in der Grenzregion um Sderot, wo der Likud von Regierungschef Benjamin Netanjahu und die rechte Jisrael Beitenu von Verteidigungsminister Avigdor Liebermann besonders stark sind, hat man für die beiden derzeit überhaupt nichts mehr übrig. Seit dem Frühjahr im Gazastreifen bei Protesten Tausende Reifen verbrannt wurden, an Winddrachen befestigte Brandsätze Felder in Brand gesteckt haben, sind viele Felder durch toxische Rückstände verseucht, haben Landwirte ihre Existenzgrundlage verloren. Und fühlen sich dabei von der Regierung allein gelassen.

Israels Regierung ist jedoch derzeit vor allem in ihre eigenen Machtkämpfe verstrickt, und der Gazastreifen ist ein Teil davon: Vor allem Verteidigungsminister Liebermann fordert seit Monaten schon Bodenoffensiven im Gazastreifen; Regierungschef Netanjahu lehnte dies bisher kategorisch ab, und setzte stattdessen auf Verhandlungen mit der Hamas unter Vermittlungen Ägyptens. Mehrmals beklagten Mitarbeiter Netanjahus, man fühle sich dabei von Liebermann torpediert: Wann immer etwas Entspannung erreicht habe, unternehme Liebermann etwas, was die Lage eskalieren lässt. Und so soll auch eine Sitzung des Sicherheitskabinetts am Dienstag sehr eisig verlaufen sein: Vor allem die Fraktion der oppositionellen Zukunftspartei will nun wissen, ob Netanjahu, wie vorgeschrieben, über den Einsatz der Spezialeinheit informiert gewesen sei. Eine Antwort bekam man bisher nicht.

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