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Unsere Waffe ist die Farbe

Die brasilianische Graffiti-Dokumentation »Pixadores« ist nach vielen Jahren auf Deutschlandtour

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Brasilianische Pixação-Künstler auf Streifzug
Brasilianische Pixação-Künstler auf Streifzug

Eine dunkle Straße in São Paulo, Autos sind nur vereinzelt unterwegs. Dijan, die Basecap ins Gesicht gezogen, setzt mit geübten Handgriffen seine Farbdose an einem Brückenpfeiler an. Die schwarzen Zeichen, die er in wenigen Minuten sprayt, sind verschnörkelt, eine Art kryptische Signatur. »Brasilien akzeptiert keine armen Revolutionäre«, steht an der Wand. »Es ist, wie im Krieg zu sein - mit der Ausnahme, dass unsere einzige Waffe die Farbe ist«, spricht er aus dem Off. Schnitt. Ricardo hängt an einem fahrenden Zug. Mit der einen Hand hält er sich an der Außenwand des Waggons fest, die andere lässt er in der Luft baumeln, auf dem Kopf eine Skimaske. »Wenn ich surfe, vergesse ich meine Probleme«, sagt er. Dann ausweichen. Ein Zug kommt ihm auf der Nebenspur entgegengerast.

Dijan, Ricardo und ihre beiden Freunde William und Biscoito leben in den Favelas der brasilianischen Millionenstadt. Sie gehören offensichtlich nicht zu den Gewinnern: Die Familien sind zerrüttet, die Polizisten brutal, die Straßen kaputt, die Gelegenheitsjobs mies oder nicht vorhanden. Für alle vier ist die Pixação-Graffitibewegung eine Antwort. Die jungen Männer haben ihr Leben dieser in den brasilianischen Großstädten verbreiteten Kunstform gewidmet. Bezeichnend sind die in dunklen Farben aufgetragenen kryptischen Schriftzüge sowie die waghalsigen Manöver, um an die meist schwer erreichbaren Orte zu kommen. Es geht um Protest, aber auch darum, die eigene marginalisierte Existenz zu behaupten. »Ich möchte nicht unsichtbar sein. Es ist mir lieber, du hasst mich, als dass du mich ignorierst«, wird einmal gesagt. Oder: »Das Einzige, was du besitzt, ist dein Name.« Pixação, so suggerieren die Freunde, ermöglicht es zumindest für den Moment, eine tausendfach geteilte Stadt zurückzuerobern.

Der Regisseur Amir Arsames Escandari hat den vier Männern in dem Dokumentarfilm »Pixadores« ein Denkmal gesetzt. Drei Jahre begleitete er die Gruppe, porträtierte jeden Einzelnen in einfühlsamen Szenen, aber auch ihre Lebensumstände als Ganzes. Handkameras verfolgen die Protagonisten im Alltag und bei ihren nächtlichen Streifzügen. Sie sprechen offen und ohne Maske - für einen Graffiti-Film keine Selbstverständlichkeit.

Besonders unterhaltsam wird die Doku, als die Gruppe zur Biennale nach Berlin eingeladen wird. Intellektuelle Kunsthipster und Anzugträger wollen Vorträge darüber hören, wie Pixação die Segregation bekämpft. Die vier Männer sollen dazu eine bereitgestellte Holzwand bemalen, folgen aber viel lieber ihrem eigenen Kunstverständnis. »Wir haben Sie eingeladen, um diese Wand anzumalen, nicht die dadrüber«, sagt ein erregter Mitarbeiter. Der Tag endet mit der Polizei und einem mit Farbe besudelten Kurator.

Im starken Kontrast zu den in den Favelas gedrehten Szenen nutzt Escandari auch langsame Kamerafahrten über die Skyline von São Paulo. Die dadurch vermittelte Bedeutungslosigkeit des Einzelnen wird durch das Schwarz-Weiß der Doku noch verstärkt, nur wenige, zentrale Szenen beinhalten Farbelemente. Die Geräuschkulisse besteht neben den Stimmen der Protagonisten vor allem aus dem Klackern und Zischen der Sprühdosen. »Pixadores« ist hochprofessionell produziert - umso trauriger, dass der 2014 veröffentlichte Film jahrelang in der Versenkung verschwand.

Tom Urban vom ehrenamtlichen Projekt Rotzfrech-Cinema hatte dem verantwortlichen Vertrieb in Finnland drei Jahre lang geschrieben, bevor er die Erlaubnis für 14 Filmvorführungen in Deutschland erhielt. »Rund 150 Mails sind es bestimmt gewesen. Meine Laune reichte dabei von euphorisch bis ›Ihr könnt mich alle mal‹«, sagt er dem »nd«. Mit einer Soli-Party in Jena versuchte er, etwas Startkapital zu sammeln, die im Oktober gestartete Tour begann dennoch mit 2500 Euro Schulden. Urban hofft, das Geld durch Spenden wieder hereinzubekommen. Wenn es gelingt, will Rotzfrech-Cinema weitere Projekte verwirklichen. »Es war immer die Idee, über diese Tour eine Art DIY-Kino-Netzwerk für Graffitifilme entstehen zu lassen - unterhalb der Ebene der Programmkinos«, sagt Urban. Zwei weitere Filme seien bereits konkret in der Planung.

Weitere Aufführungen: 14.11. Berlin, Kino Babylon; 16.11. Köln, Dedicated Store; 17.11. Frankfurt am Main, Studio 294; 22.11. Dresden, Altes Wettbüro; 23.11. Leipzig, UT Connewitz.

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