Geteilter Ruhm

Das Hubble-Gesetz soll einen neuen Namen erhalten.

Von Martin Koch

Lange gingen Astronomen und Physiker wie selbstverständlich davon aus, dass das Universum statisch ist. Auch Albert Einstein war zunächst dieser Auffassung. 1917 führte er, um die Stabilität des Universums theoretisch zu gewährleisten, die sogenannte kosmologische Konstante in die Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie ein. Es blieb daher dem russischen Mathematiker Alexander Friedmann vorbehalten, den Grundstein für eine tragfähige relativistische Kosmologie zu legen. Die Lösung der originalen Feldgleichungen führte ihn 1922 auf ein dynamisches Universum, das sich entweder ausdehnt oder zusammenzieht. Einstein war verärgert. Er hielt Friedmanns Berechnungen zwar für mathematisch korrekt, aber für physikalisch bedeutungslos.

Den nächsten Schritt tat 1927 der belgische Physiker und katholische Priester Georges Lemaître. Ohne die Arbeiten Friedmanns zu kennen, kam er zu ähnlichen Ergebnissen wie dieser. Außerdem leitete er, ein expandierendes Universum vorausgesetzt, eine Beziehung zwischen der Geschwindigkeit und Entfernung von Galaxien ab, deren Entdeckung gemeinhin dem US-Astronomen Edwin Hubble zugeschrieben und als Hubble-Gesetz bezeichnet wird. Es besagt: Zwei Galaxien entfernen sich umso schneller voneinander, je größer der Abstand zwischen ihnen ist.

Da Lemaître seine Erkenntnisse aber in einer unbedeutenden Fachzeitschrift publiziert hatte, nahm sie anfangs niemand zur Kenntnis. Anders bei Hubble: 1929 veröffentlichte er mehr oder weniger die gleichen theoretischen Resultate wie sein belgischer Kollege. Für Hubble sprach außerdem, dass seine Daten auf präzisen Beobachtungen beruhten, die er über Jahre am Mount-Wilson-Observatorium in Kalifornien durchgeführt hatte. Hubbles Messungen sowie Lemaîtres theoretische Beweisführung überzeugten zuletzt auch Einstein, der die Einführung der kosmologischen Konstante nachträglich »die größte Eselei seines Lebens« nannte.

In einem Punkt ging Lemaître sogar über Hubble hinaus. Er postulierte ein expandierendes Universum, »in dem der Raum selbst sich ausdehnt, so dass die Flucht der Galaxien nicht bloß eine Bewegung im fixen Raum ist«, betont der Wiener Astronom Thomas Posch. Hubble hingegen habe sich nicht festgelegt, wie die Bewegung der Galaxien zu deuten sei.

Auf der 30. Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union (IAU), die unlängst in Wien stattfand, wurde deshalb vorgeschlagen, statt vom Hubble-Gesetz fortan vom Hubble-Lemaître-Gesetz zu sprechen. Von den rund 4000 anwesenden Mitgliedern stimmten 78 Prozent dem Vorschlag zu. Zwar kann die IAU den Namen astronomischer Gesetze nicht verbindlich festlegen. Aber sie kann Wissenschaftlern empfehlen, in ihren Vorträgen und Texten künftig die neue Sprachregelung zu verwenden.