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Vertrieben von ihrem Land

Ein Wasserkraftwerk bedroht die Zukunft vietnamesischer Kleinbauern

  • Von Sarah Grieß
  • Lesedauer: 6 Min.

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Kinder aus der Ngoc-Lam-Gemeinde des Kleinbauern Luong Thanh Hai
Kinder aus der Ngoc-Lam-Gemeinde des Kleinbauern Luong Thanh Hai

Kleinbauer Luong Thanh Hai blickt über die Hügel der Ngoc-Lam-Gemeinde im nördlichen Zentralvietnam. Sattes Grün, so weit das Auge reicht. Vögel zwitschern, der Duft exotischer Blüten liegt in der Luft. Was Außenstehenden wie das Paradies vorkommen mag, lässt ihn nur traurig seufzen: »Zu Hause fühlen werden wir uns hier nie.« Sein Blick wandert Richtung Nordwesten. Dort, hoch in den Bergen, rund 200 Kilometer entfernt, war einmal seine Heimat. Bis zu dem Tag, an dem sein Dorf einem gigantischen Wasserkraftwerk weichen musste.

Korbflechter im Dorf Ban Hien.
Korbflechter im Dorf Ban Hien.

Das Ungetüm trägt den Namen Ban Ve, wurde im Mai 2010 in Betrieb genommen und ist der Stolz der Nghe-An-Provinz. Es ist das erste Wasserkraftwerk, das vollständig unter vietnamesischer Leitung erbaut wurde. Mit einer jährlichen Leistung von 1,76 Milliarden Kilowattstunden trägt es maßgeblich dazu bei, den wachsenden Energiebedarf des Landes zu decken.

Kleinbauer Luong Thanh Hai
Kleinbauer Luong Thanh Hai

Doch was die einen als Fortschritt preisen, wird von anderen überaus kritisch gesehen. Denn die ökologischen und sozialen Risiken, die mit dem Bau solcher Wasserkraftwerke einhergehen, sind enorm: Fruchtbare Ländereien und ökologisch wertvolle Wälder gehen durch die Landnahme verloren, mit drastischen Folgen für die Biodiversität. Den Dörfern weiter flussabwärts fehlt unerwartet Wasser, während es andernorts zu Überschwemmungen kommt. Und schließlich mussten Zigtausende der zuvor dort lebenden Menschen umgesiedelt werden, selten mit ihrem Einverständnis.

Perspektiven für das Dorf Ban Hien.
Perspektiven für das Dorf Ban Hien.

Bis heute haben mindestens 240 000 Menschen durch den Bau eines Wasserkraftwerkes in Vietnam ihr Zuhause verloren, in den kommenden Jahren werden voraussichtlich weitere 60 000 Menschen betroffen sein. Auffallend ist: Bei 90 Prozent von ihnen handelt es sich um Angehörige ethnischer Minderheiten. Sie bewohnen die nördlichen und zentralen Hochlandregionen, wo das wertvolle Wasser fließt, und bestreiten ihren Lebensunterhalt vor allem mit der Landwirtschaft.

Mitglieder der Teekooperative im Dorf Ban Muong.
Mitglieder der Teekooperative im Dorf Ban Muong.

Kleinbauer Luong Thang Hai ist einer von ihnen. Als die Regierung ihn damals über den Bau des Kraftwerks in Kenntnis setzte, verwies sie auf die Notwendigkeit, neue Energiequellen zu erschließen. Denn seit sich das von der Kommunistischen Volkspartei (KPV) geführte Vietnam Ende der 80er Jahre dem globalen Markt öffnete, geht es wirtschaftlich aufwärts - eine Entwicklung, von der Hai wenig zu spüren bekommt. Die Wasserkraft hat in diesem Zusammenhang merklich an Bedeutung gewonnen und deckt mittlerweile rund ein Drittel des nationalen Stromverbrauchs. Mehr als 400 entsprechende Kraftwerke wurden in den vergangenen Jahren in Vietnam gebaut. Im Vergleich zu fossilen oder atomaren Energieträgern genießt die Wasserkraft einen guten Ruf. Sie gilt als überaus kosteneffizient, da die anfangs hohen Investitionskosten durch die Langlebigkeit der Anlagen und den kostenlos zur Verfügung stehenden Rohstoff Wasser mehr als aufgewogen werden. Zudem handelt es sich bei Wasser um eine erneuerbare Energiequelle, deren Nutzung mit wesentlich weniger Treibhausemissionen verbunden ist als etwa bei fossilen Brennstoffen.

Für Kleinbauer Luong Thanh Hai ein schwacher Trost. Er wollte sein Dorf nie verlassen. Eine reale Chance, sich der Umsiedelung zu entziehen, hatte er nicht. »Egal, ob wir arbeiten, essen oder sogar schlafen - es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht zurücksehnen.« Denn durch den Bau des Wasserkraftwerks wurden sie nicht nur ihrer Heimat beraubt, sondern haben auch den Zugang zu dem angrenzenden Wald verloren, der als heilige Stätte für die Ausübung ihrer Religion und kultureller Traditionen von großer Bedeutung war. Hinzu kommt die miserable ökonomische Situation, in die die Menschen der Ngoc-Lam-Gemeinde nach der Umsiedelung geraten sind.

Die Kleinbauernfamilien wurden zwar entschädigt und die Regierung hat ihnen ein neues Dorf gebaut. Mit Straßen, Schulen, einer Gesundheitsstation und einem Anschluss an das nationale Stromnetz. Auch sind die Investoren per Gesetz dazu verpflichtet, die Betroffenen in den ersten Jahren nach der Umsiedelung etwa mit Reisrationen zu unterstützen. Doch das alles hilft nicht über den entscheidenden Mangel hinweg: Die landwirtschaftlichen Anbauflächen, die ihnen zugeteilt wurden, sind viel kleiner und von schlechterer Qualität als die Äcker und Weiden, die sie früher bewirtschaftet haben. Außerdem haben sie eine andere Beschaffenheit, sodass sich bisherige Anbaumethoden nicht einfach fortführen lassen.

»Wir waren geschockt, als wir das erste Mal hierherkamen. Alles sah ganz anders aus als in unserem Heimatdorf«, erinnert sich Hai. Und es wurde mit der Zeit nicht besser. Durch die intensive Nutzung der viel zu kleinen Parzellen sind die Böden degradiert, und die sowieso schon geringen Erträge aus dem Mais- und Maniokanbau nehmen stetig ab. So beträgt die Armutsrate in der Ngoc-Lam-Gemeinde auch zehn Jahre nach der Umsiedelung noch rund 84 Prozent, im Vergleich zum Landesdurchschnitt von nur noch zehn Prozent ein dramatischer Wert.

Vietnamesische Nichtregierungsorganisationen wie CHIASE versuchen, den Menschen vor Ort eine neue Perspektive zu geben. Durch lokal angepasste Anbau- und Viehzuchtmethoden und die Gründung von Erzeugergemeinschaften unterstützen sie die Gemeindemitglieder von Ngoc Lam dabei, ihre kleinen Anbauflächen nachhaltiger zu bewirtschaften und ihr Einkommen so deutlich zu erhöhen. Gleichzeitig versuchen sie, auf die politischen Entscheidungsträger*innen Einfluss zu nehmen, damit sich langfristig etwas ändert - nicht nur mit Blick auf die unzureichenden Kompensationsleistungen, sondern auch mit Blick auf die Mitbestimmungsmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung. Denn wenn diese im Vorfeld zu Großprojekten wie dem Ban-Ve-Wasserwerk konsultiert würden, ließen sich viele Probleme reduzieren, mit denen sie anschließend zu kämpfen haben. Und manch schlecht geplantes Vorhaben würde vielleicht noch mal überdacht.

Dass diese Bemühungen bereits Erfolge verbuchen, zeigt ein Beschluss der Provinzregierung von Nghe An vom Oktober, wonach ab sofort keine Lizenzen mehr für neue Wasserkraftprojekte vergeben werden sollen. Als Begründung wird angeführt, dass diese die Umwelt und Gesundheit der Bewohner*innen schädigen und trotz ihres wirtschaftlichen Nutzens viele negative Auswirkungen haben. Erst kurz zuvor hatten mehrere Staudämme während des Monsuns wieder schwere Überschwemmungen in der Nghe An Provinz verursacht, die zu Erdrutschen führten, Tausende Häuser mitrissen und etliche Straßen beschädigten.

Entsprechend groß ist die Freude bei Nguyen Van Anh, dem Direktor von CHIASE: »Wir sind sehr glücklich über diese Entscheidung und hoffen, dass andere Provinzen dem Beispiel folgen werden. Rund zwei Drittel aller Bürger-Petitionen in der Nghe-An-Provinz beziehen sich auf Wasserkraftprojekte. Nun endlich finden sie Gehör.«

Für Luong Thanh Hai und die Bewohner*innen der Gemeinde Ngoc Lam wird diese Entscheidung zwar keine direkten Konsequenzen haben. Dennoch deutet er sie als wichtiges Signal und fühlt sich in ihrem Bemühen um mehr Mitbestimmung bestärkt. »Unsere Kinder werden es in jedem Fall leichter haben. Sie werden nur noch dieses Dorf kennen und als ihr Zuhause ansehen.«

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