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Die Gesamtschule ist ein totes Pferd

Bildungsforscher Klaus Klemm über soziale Benachteiligung im Schulsystem und linke Gegenstrategien

  • Von Karl-Heinz Heinemann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Auch für diesen Grundschüler entscheidet sich in Kürze wie es im Leben weitergeht: Gymnasium, Real- oder Hauptschule? Davon hängt in Deustchland immer noch viel an.
Auch für diesen Grundschüler entscheidet sich in Kürze wie es im Leben weitergeht: Gymnasium, Real- oder Hauptschule? Davon hängt in Deustchland immer noch viel an.

Deutschland steht bei der Bildungsgerechtigkeit im Vergleich zu anderen Industrieländern nur im Mittelfeld, stellte Ende Oktober eine PISA-Auswertung der OECD fest. Anderseits hat die OECD auch leichte Fortschritte in dieser Frage nachgewiesen. Ist also doch nicht alles so schlecht?

Es gibt in der Tat leichte Fortschritte. Das ist aber nicht so furchtbar neu. Die OECD-Studie zur Bildungsgerechtigkeit stützt sich ja auf die Daten von Pisa 2015. Aber auch diese OECD-Studie sieht Deutschland weit unterhalb des OECD-Durchschnitts. In Deutschland ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund im internationalen Vergleich sehr hoch. Bei uns stammen Migrantenkinder meistens aus der sozialen Unterschicht und haben allein deshalb schlechte Werte bei PISA. Zudem hat diese Gruppe mit der Unterrichtssprache Deutsch große Schwierigkeiten. Bei uns koppeln sich also zwei Nachteileffekte, nämlich der der sozialen Stellung und jener des Migrationsstatus.

Heute schließen je nach Bundesland 40 bis über 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schule mit einer Hochschulzugangsberechtigung ab. Ist Deutschland also auf dem richtigen Weg?

In der Mittelschicht und auch an den unteren Rändern der Mittelschicht hat sich erheblich etwas getan, da hat es wirklich Aufstieg durch Bildung gegeben. Allerdings haben die wenigen, die jetzt noch unten sind, kaum noch eine Perspektive. Wer in den 1950er Jahren ohne Schulabschluss oder auch ohne Ausbildungsabschluss auf den Arbeitsmarkt ging, der konnte Hilfsarbeiter werden. Damals konnte man damit seinen Lebensunterhalt bestreiten und Rentenansprüche erwerben, die eine Perspektive boten. Heute findet man ohne Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr. Die Arbeitslosenquote der Jugendlichen ohne Ausbildungsabschluss liegt bei 20 Prozent. Und die anderen 80 Prozent sind weitgehend prekäre beschäftigt.

Länder wie Bayern setzen nach wie vor auf die Hauptschule. Hier gehen 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit dem Hauptschulabschluss ab; anderswo sind es kaum noch acht Prozent pro Jahrgang. Ist dadurch die Situation für Hauptschüler in Bayern entspannter?

Vor 10 bis 20 Jahren waren Ausbildungsplätze Mangelware. Die Arbeitgeber haben sich daran gewöhnt, Hauptschüler bei Bewerbungen auszusortieren. Heute müssen sie sich wieder darauf einstellen, auch Leute mit niedrigeren Schulabschlüssen zu nehmen. Damit tun sie sich schwer. In München kommen auf einen Ausbildungsplatzsuchenden 1,8 Lehrstellenangebote. In Nordrhein-Westfalen sind es 0,9, im Ruhrgebiet 0,7. Die Münchner kommen einfach nicht umhin, auch Hauptschulabsolventen einen Ausbildungsplatz zu geben. In Bayern haben es Hauptschulabsolventen nicht deshalb leichter, weil es dort mehr von ihnen gibt, sondern weil die Unternehmen sonst keine Auszubildenden mehr finden.

Haben wir jetzt eine Abiturientenschwemme und zu wenig Facharbeiter?

Es macht keinen Sinn, jetzt zu sagen, wir wollen weniger Abiturienten und mehr Facharbeiter haben, das sind zwei Segmente einer insgesamt zu knappen Decke. Das Problem sind die 15 bis 20 Prozent, die keine berufliche Ausbildung haben. Ich behaupte nicht, dass alle dieser Jugendlichen eine Ausbildung abschließen können. Aber dass in dieser Gruppe niemand ist, den man auch ausbilden könnte, das müsste mir erst einmal jemand belegen.

Die Alternative ist für Sie also nicht die Reduzierung der Zahl der Abiturienten, sondern die Förderung des unteren Fünftels der Bildungspyramide, damit mehr junge Menschen überhaupt einen Abschluss machen können?

Genau. Im Bundesdurchschnitt verfügen 10 Prozent aller Schülerinnen und Schüler nicht über die Kompetenzen, die man für den Hauptschulabschluss braucht. Um diese Gruppe zu fördern, darf man nicht erst in der neunten Klasse ansetzen und über Ausbildungseinstiegshilfen nachdenken. Im Bundesdurchschnitt besuchen rund ein Drittel der Kinder unter drei Jahren eine Kita. Von den Kindern, deren Eltern nur den Hauptschulabschluss haben, haben 16 Prozent einen Krippenplatz, wenn der höchste Abschluss die Hochschulreife ist, sind es 38 Prozent. Da fängt es also schon an. Wir bieten insgesamt zu wenig, und davon sind die sozial Schwachen und Benachteiligten, die eigentlich die Krippe am nötigsten hätten, am meisten betroffen.

Aber wie sieht es in der Schule aus? Um die Gesamtschule ist es ja sehr still geworden; auch über die in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern recht frühe Selektion wird öffentlich kaum noch gestritten. Reitet man, wenn man es doch tut, bildlich gesprochen ein totes Pferd?

Ich halte die gemeinsame Erziehung der Kinder zumindest bis zum Ende der Schulpflichtzeit nach wie vor für sinnvoll. Aber man darf sich nichts vormachen: Würde eine Landesregierung heute die Gesamtschule für alle durchsetzen wollen, müsste sie dies praktisch gegen den Widerstand nahezu aller Eltern, deren Kinder auf dem Gymnasium sind, durchsetzen, und sie hätte vermutlich auch noch deren Großeltern gegen sich. Das war noch besser, als nur 15 Prozent aufs Gymnasium gingen, wie in Skandinavien oder Frankreich, als dort in den 1960er- und 70er Jahren integrierte Systeme eingeführt wurden. Wer aber heute mit der Gesamtschule kommt, hat mit Widerständen in breiten Bevölkerungsschichten zu kämpfen. Das will niemand riskieren, nicht in meiner Partei, der SPD, und ich denke, auch in der Linkspartei nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwa in Thüringen, wo die Linkspartei den Regierungschef stellt, ernsthaft jemand in der Partei das Gymnasium abschaffen will. Deshalb bin ich von meiner Forderung nach der Gesamtschule mittlerweile abgewichen. Als Schulreformer kann man aber ein echtes zweigliedrige System erreichen; dafür gibt es gute Beispiele in den drei Stadtstaaten, im Saarland und in Schleswig-Holstein.

Mehr Geld für die Bildung fordern alle. Was sind denn noch spezifisch linke Forderungen?

Meiner Partei, der SPD, empfehle ich: Konzentriert euch wirklich auf die Gruppe der Bildungsbenachteiligten; setzt auf positive Diskriminierungen, d. h., wenn es an Krippenplätzen fehlt, dann sorgt dafür, dass wenigstens die Kinder aus den sozial benachteiligten Familien bei der Platzvergabe bevorzugt werden. Gleiches gilt für die Grundschulen. Es bringt nichts, mit der Gießkanne zu streuen, denn dann bleibt zu wenig für diejenigen, die Bildungsförderung wirklich brauchen.

Tagung: rosalux.de

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