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Die Kunst ist »fettsatt«. Noch

Zum 80. Geburtstag des Anarcho-Bayern Herbert Achternbusch

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Die sogenannte Provokation ist ein routiniertes Kulturverhalten, bei dem offene Türen eingerannt werden, meist sogar gut bezahlt. Der Künstler Herbert Achternbusch, der von Leuten mit Low-Budget-Vokabular als »Provokateur« betitelt wird, ist keiner. Ist es nie gewesen. Er ist ein Selbsterlöser. Das ist der kürzeste Weg ins Paradies: Selbsterlöser denken nicht daran, dass es noch mehrere Milliarden anderer Menschen gibt. Sie sind mit der schmerzhaften Illusion geschlagen, dass sie ganz allein auf der Welt sind. Wenn sie geboren werden, fängt die Welt an; wenn sie sterben, stirbt die Welt. So sind sie die Welt los. Selbsterlösung ist Selbstvernichtung. Es ist Arbeit und Orgasmus.

Vielen Menschen wird die Neigung zur Selbsterlösung ausgetrieben - sie sind gekettet an die soziale Bedingung, die ihnen das Ich beschneidet und ihnen lebenslang das Gefühl gibt, gar nicht erst zur Welt zu kommen. Wenn sie kommen, dann höchstens zu kurz. Achternbusch aber ist bis zum tiefsten Grund ausgefüllt ichsüchtig, er schreibt, filmt, produziert, malt, spielt immer nur zur Feier der eigenen Person. Aber: mit einer beglückenden Haltung, die in einem seiner weit über dreißig Filme, nämlich im »Andechser Gefühl«, zum philosophischsten und zugleich praktischsten Gebot unserer Zeit wurde. Sein Unsterblichkeitssatz: »Du hast keine Chance, aber nutze sie.«

Die zwanzig Stücke, die fünfzig Bücher, die vielen Gemälde - alles wurde Baustein einer Lebensart, deren Grundpfeiler seit je Verweigerung ist. Weil er sich nie vereinnahmen ließ, blieben die Einnahmen übersichtlich. Einen Scheck von zwanzigtausend D-Mark, ausgestellt für den Petrarca-Preis, hat er als junger Dichter kurzerhand verbrannt. So wird der Satz, Freiheit habe ihren Preis, zur Erfahrung.

Der 1938 als unehelicher Sohn eines Zahnarztes und einer Sportlehrerin Geborene hat sein Werk aus sich heraus gewütet, anfallartig, er hat nichts gezügelt; was ihm die Fantasie in die Schrift, in den Ton, ins Bild diktierte, hat er keiner hoffärtigen Verständlichkeit geopfert. Er hat denen, die in der Zeitung, im Weltbild, im Gesinnungs-Abo alles nur immer einsehbar und nachvollziehbar wollen, seine Verachtung entgegengegrinst: bloß nicht von jedem Idioten verstanden werden! Er konnte nie anders, als beleidigend, explosiv, im naivsten, bösesten Sinne versponnen zu sein. Aus seiner Erfolglosigkeit erwuchs seine Legende, seine Einsamkeit bestätigte ihn, sein Widerstand gegen Staat, CSU, Verlagswesen und jedwede andere institutionelle Bastion hat seinen Witz begründet, seine Grönland-Liebe, seine verkatert durchgehaltene Randständigkeit, seine vitale Verschrobenheit. Im Film »Der Depp« (1982) lässt er Franz Josef Strauß ermorden. In »Das Gespenst«, im selben Jahr gedreht, steigt Jesus vom Kreuz, um eine Oberin zu ficken. Jahrelang stritt Achternbusch mit der Bundesregierung - Innenminister Friedrich Zimmermann hatte Klage wegen Gotteslästerung erhoben. Spät gewann Achternbusch.

Das Bayerische-Akademie-Mitglied, bisweilen geehrt, ist trotzdem ungespielt und ungelesen geblieben. Er steht für eine stolze Autonomie, die mit einem kleinen Schuss Größenwahn über das Elend des ungeliebten Lebens hinwegkommt. Den bürgerlichen Anstand hat dieser Mann nur sehr dosiert eingeübt: Er brächte es nicht übers Herz, seine Wut zu demütigen. Die Literatur und das Theater, sagt er, sind fettsatt, »sie haben Achternbusch satt. Aber die kommen schon wieder. Es gibt ja keinen anderen als mich.«

Sein erstes und wohl erfolgreichstes, monologisches Stück - Claus Peymann war es, der ihn durch Beharrlichkeit und dichterliebendes Begehren fürs Theater gewann - hieß »Gust«, ein Mann reflektiert sein Leben, während nebenan die Frau stirbt. Es spielte Sepp Bierbichler. Ein langjähriger Freund, eine verknorrte, verknarzte, verprügelte, versoffene Kameradschaft, männerselig und männerkomisch noch bis in die spätere, privat begründete Abneigung.

Es muss noch einmal über Verständlichkeit geredet werden. Achternbusch nennt sie einen Terror. Dieses vollständige Verstehenwollen von Kunstwerken - das ist Begriffsimperialismus, er kolonialisiert die Gegenstände: Denn wenn ich als Seher, Leser, Hörer alles verstanden habe, dann ist doch etwas leer geworden. Dann bin ich ein Bewältiger, dem kein Widerhaken bleibt fürs Weiterdenken. Schon wer von einem Kunstwerk etwas erwartet, hat es getötet.

Wer im Geistigen schnelles Einverständnis will, immer den gleichen Kanon der Ansprache - der schlägt sich selber mit Unfreiheit. Denken bedeutet: die Sinne laufen lassen ins Irritierende. Der mich überfordern, überdehnen, mich aus Sicherheiten reißen möge. In seinen Filmen sah der Bayer Achternbusch manchmal aus wie der junge Chaplin, machte ein Gesicht wie Keaton und sprach wie Karl Valentin unter der Regie Brechts. Er war lautes Bauerntheater und Stummfilm zugleich.

Aufgewachsen in Mietraching (das gibt’s wirklich und zwar im Bayrischen Wald), wurde er zu einem Menschen von »außerschulischer Intelligenz« (Werner Herzog). Weites Hirn und enges Land, das passt teuflisch gut zusammen.

So wie jeder Grashalm seine eigene Art hat, niedergetreten zu sein, und seine ganz eigene Art, bald wieder im Wind zu stehen, so erinnert Achternbusch ans wahre Bayern: Es ist anarchisch. Dieser Satz mag Befremden auslösen, wenn man ans Klischee des Lodenmobs denkt, der sich durch die Münchner Maximilianstraße bewegt - eitel, geldgeadelt, herablassend. Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Georg Ringsgwandl, Konstantin Wecker, besagter Sepp Bierbichler - das sind nur einige weitere Namen stur-intelligenten Rüttelgeistes am pressend Geordneten.

Mit solchen Leuten hing der altbayerische Charakter zusammen, an den Achternbusch erinnert und den Franz Mehring so beschrieb: »unerschütterte Volkskraft, Starrsinn, Steifnackigkeit, wenig Unternehmungsgeist, gar keine Profitgier, mäßige Arbeitslust, Genussfreudigkeit, keine Spur von Unterwürfigkeit. Ein wahres Bauernvolk, frei von Grübelei und mystischer Spekulation, fast ohne Sinn für Theorien, mit geringem formalem Bildungstriebe. Die Religion wirkte unter diesen Massen als Gewohnheit und Kunst, in der Politik waren sie kernige Gefühlsdemokraten.«

Achternbusch: geboren im November. Zwanzig Jahre vor seiner Geburt war Bayern der Kurt-Eisner-Staat: Geschrieben wurde damals die kurze, hoch aufrauschende, dann tief zu Tode stürzende Geschichte einer Volksrepublik. Das Märchen in den Voralpen. So schön, dass es wahr wurde. Zu schön, um nicht als Tragödie zu enden. Dorthin, nach München, so »Spiegel«-Reporter Volker Weidermann, zog es damals »Wintersandalenträger, Prediger, Grashörer, Langhaarträger, Hypnotisierer und Hypnotisierte, Schwebende.« Das könnten alles Achternbusch-Synonyme sein.

Wo der Mensch hart werden muss im Nehmen, da wird mancher Geist noch härter - im Geben. Achternbusch gibt - und er gibt nie auf. Er hat schmutzig schönsten Sinn für das Unbetreute in der Welt. Im Film »Servus, Bayern« (1978) heißt es: »Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe, bis man ihr das anmerkt.« Sein größter Stolz zu früheren Zeiten: »Wenn ich im Wirtshaus der Letzte war.« Heute wird er 80 Jahre alt.

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