Schach-WM

Remis, Rekord und Renaissance

Schach-WM: Vom »Spiel der Könige« zum digitalen Schlagabtausch

Von Florian Brand

Eine Doppelglas-Panoramascheibe trennt die Protagonisten vom Auditorium der Neugierigen. Doch ein abgeschlossenes Biotop ist der Raum nicht, in dem sich Magnus Carlsen und Fabiano Caruana über ein Brett mit 64 Feldern und 32 Figuren beugen. Rund 20 handverlesene Journalist*innen haben für nur fünf Minuten Zutritt zum Allerheiligsten. Dann müssen auch die Fotograf*innen raus. Online verfolgen derweil Spieler*innen aus der ganzen Welt den Wettstreit der beiden IQ-Gladiatoren. In Echtzeit wird analysiert und kommentiert; gleichzeitig werden alternative Spielzüge ausprobiert.

Monatelang haben sich die beiden Großmeister intensiv auf dieses Duell der Spitzenklasse vorbereitet. Akribisch wurden Stärken und Schwächen des Gegners studiert und Eröffnungen analysiert. Unterstützung erfahren beide dabei von sogenannten Sekundant*innen: Eröffnungsexpert*innen, deren Namen streng gehütet werden. Zu viele Informationen könnte diese Auswahl dem gegnerischen Team verraten.

Nun, vor der elften Partie könnte die Spannung kaum größer sein: Nach der zehnten Partie am vergangenen Donnerstag steht es in der Schach-Weltmeisterschaft noch immer unentschieden. Im angesagten »The College«, einem viktorianischen Prachtbau mitten in London, trennten sich der US-amerikanische Herausforderer Caruana und der norwegische Weltmeister Carlsen nach einem spannenden Schlagabtausch schon wieder remis. Beide Spieler wollten am Donnerstag endlich die erste Partie dieser WM gewinnen und spielten von Beginn an mit offenem Visier. Carlsen ging dabei volles Risiko, doch Caruana konnte alle Angriffe auf seinen König abwehren. Damit steht es nach zehn Spielen 5:5 - Rekord: Die längste Remis-Serie in einem WM-Duell hatten zuvor der damals für Russland startende Großmeister Garri Kasparow und der indische Großmeister Viswanathan Anand 1995 in New York City erreicht - mit acht Unentschieden.

Wer als erstes mehr als sechs Punkte eingestrichen hat, wird zum Weltmeister gekürt und erhält das Preisgeld von einer Million US-Dollar. Pro Sieg gibt es einen Punkt, bei Remis bekommen beide einen halben. Wenn es nach dem zwölften Spiel am Montag noch immer unentschieden steht, gibt es am darauffolgenden Mittwoch einen Tie-Break. Hierbei wird zunächst Schnellschach gespielt, also vier Runden à 25 Minuten Bedenkzeit, sowie zusätzlich zehn Bonussekunden nach jedem Zug. Sollte es danach noch immer keinen Gewinner geben, werden fünfmal je zwei Partien mit fünf Minuten Bedenkzeit angesetzt. Für den (sehr unwahrscheinlichen) Fall eines erneuten Gleichstands kommt es zur »Armageddon«-Partie. Die Figuren werden ein letztes Mal ausgelost, der weiße Spieler erhält fünf Minuten, der Spieler mit den schwarzen Figuren nur vier. Bei Remis ist Schwarz Weltmeister.

Sollte es zum Tie-Break kommen, stehen die Chancen für den Norweger als Schnellschachspezialist besser. Bei einem Sieg wäre der alte also auch der neue Champion. Im wintersportverrückten Norwegen ist der 27-Jährige ohnehin schon ein Volksheld. Die Fans verehren ihn wie einen Skisprungolympiasieger oder einen Popstar. Doch der Titelverteidiger ist gewarnt: Der ein Jahr jüngere Caruana wird als gleichstark eingeschätzt. Nur drei Elo-Punkte, die Gradmesser der Geistesgrößen, trennen beide in der Weltrangliste.

Kaum ein anderer (analoger) Sport hat in den vergangenen Jahren derart an Bekanntheit und Beliebtheit gewonnen wie Schach. Und das, obwohl sich der Denksport in den vergangenen 500 Jahren fast gar nicht verändert hat - von technologischen Fortschritten wie Digitaluhren und sich daraus ergebenden Spielvarianten wie Schnell- oder Blitzschach abgesehen. Das Remis ist dabei so alt wie die Geschichte des Spiels selbst.

»Ich denke, wir stehen am Anfang eines Schach-Booms«, glaubt der Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes (DSB), Marcus Fenner. Das liege vor allem daran, dass die Bedeutung des Schulschachs zunimmt. In immer mehr Schulen wird Schach verstärkt angeboten, etwa als Wahl- oder sogar Pflichtfach wie beispielsweise in Bremen. 70 Klassen beteiligen sich hier an einem deutschlandweit einmaligen Pilotprojekt: »Schach macht schlau«. Konkret heißt das für rund 1500 Grundschüler*innen aus Bremen und Bremerhaven eine verbindliche Schachstunde pro Woche. Damit soll das Lernverhalten der Kinder verbessert werden. »Studien zeigen, dass Kinder, die Schach spielen, eine höhere Konzentrationsfähigkeit aufweisen«, sagt Fenner. Zudem fördere es das abstrakte Denkvermögen und sei eine gute Alternative zu digitalen Angeboten. »Menschen, die früh mit Schach in Berührung kommen, sind auch im Leben erfolgreicher.«

Befördert durch das öffentliche Interesse, mehrten sich zuletzt auch die Vereinseintritte, vor allem dank junger Spieler*innen. Der technologische Fortschritt habe zudem dazu geführt, dass das Alter der Großmeister*innen immer niedriger werde, so Fenner. »Die Digitalisierung hat Schach revolutioniert. Dadurch, dass alle Meisterspiele auf Knopfdruck verfügbar sind, können junge Talente immer fortschrittlicher gefördert werden. Zwölfjährige sind heute auf dem Stand von 20-Jährigen vor 20 Jahren.«

Dabei reichen die Wurzeln des Spiels weit länger zurück als die europäische Variante, die im Zuge der islamischen Expansion ihren Weg ins mittelalterliche Europa fand und spätestens im 13. Jahrhundert zu einer der sieben Rittertugenden zählte. Die meisten der Regeln, nach denen auch heute noch gespielt wird, wurden vermutlich im 15. Jahrhundert festgelegt. Eine der berühmtesten Entstehungsgeschichten ist die der berühmten Weizenkornlegende in Indien, die auf das dritte oder vierte Jahrhundert datiert wird. »Der gesellschaftliche Status von Schach hat sich in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals geändert«, so Fenner.

Zwar hat es auch einen leichten Anstieg bei der Anzahl der weiblichen Profis gegeben, doch noch immer wird Schach von Männern dominiert. »Das liegt vor allem an der Geschichte des Sports«, glaubt Fenner. Einst als elitärer Sport betrachtet, war das »Spiel der Könige« im 19. Jahrhundert sogar Bestandteil der Offiziersausbildung in der preußischen Armee und somit fast ausschließlich Männern vorbehalten. »Schach als klassendefinierendes Spiel gibt es heute zum Glück nicht mehr«, so Fenner. Trotzdem sei das Spiel noch immer verstärkt in bildungsnahen Schichten zu finden. »Davon wollen wir wegkommen.«