Unglaube

Im Zweifel gegen den Zweifel

Unglaube als Tugend, Ware und Machtmittel - ein Beispiel.

Von Jens Grandt

Schwierig ist es, in zwei Richtungen zugleich zu schauen und doch klaren Kopf zu bewahren. Einer konnte das: Janus, der umtriebige Charmeur unter den göttlichen Damen, zugleich Schutzpatron der Türen, der Ein- und Ausgänge, der Anfänge - nach ihm heißt der Januar. Er ist der Hüter jener Orte, an denen die Sentenz Niklas Luhmanns gilt: »Alles ist anders möglich« und wo der Zweifel das Herz zerreißt.

Eine vielleicht noch nie so krass empfundene Vielfalt möglicher Entwicklungen - der Gesellschaft, der Künstlichen Intelligenz, des Klimas und so weiter - macht heute viele Menschen unsicher. Dabei stehen sich im Meinungsstreit zwei Tendenzen gegenüber: Einerseits ist da die Sucht nach Eindeutigkeit, das Verlangen nach ausgrenzenden Antworten in Schwarz und Weiß. Der Soziologe Thomas Bauer hat kürzlich dieser Position sein Buch »Die Vereindeutigung der Welt« gewidmet. Andrerseits ertönt das Loblied des Zweifels. »Im Zweifel für den Zweifel« titelte zu Jahresbeginn das NRW-Forum in Düsseldorf eine Ausstellung.

Beides hat einen Ursprung im menschlichen Bedürfnis, sich zu orientieren in den Zufälligkeiten - der »Kontingenz« - der Welt. Zweifel kann dann helfen, eine Entscheidung zu treffen. In der kritischen Vortragsreihe, die seit vielen Jahren (und ja: von der Daimler und Benz Stiftung) im Haus Huth am Potsdamer Platz in Berlin geboten wird, hat jüngst der Organisationsforscher Günther Ortmann einige weniger diskutierte Aspekte des Zweifels hervorgekehrt: Es gibt Institutionen - Think Tanks, Konzerne, Lobbyverbände -, die ihre Aufgabe allein darin sehen, Zweifel zu organisieren. Ortmann nennt sie »Parasiten des Zweifels«. Auch manche Politiker der CDU/CSU, vor allem der AfD gehören zu diesen »Merchants of Doubt«.

Selten wurde nun das Schüren von Zweifeln so offensichtlich wie am Beispiel der Migrationsbewegungen. Der Ansturm von Flüchtlingen im August 2015 forderte die Politik wie das ganze Land heraus. Ob wir einer ungewöhnlichen Situation gewachsen sind, kann man vorher nicht wissen. Angela Merkel antwortete mit der Parole »Wir schaffen das (...)«

Wie Umfragen bestätigten, war auch die Mehrheit der Deutschen zunächst davon überzeugt und hat mit einer einzigartigen Willkommenskultur reagiert. Zuversicht, ein Zutrauen in die eigenen Kräfte war gefragt - unbedingt notwendig, wenn eine Herausforderung, für die keine Erfahrungen vorliegen, gemeistert werden soll.

Dann aber machten sich die Unterhändler des Zweifels stark, von Pegida bis Bundesinnenminister Horst Seehofer, der Schutzflehende als »Asyltouristen« bezeichnete. Jene, die von der Unmöglichkeit sprachen und sprechen, das starke Deutschland könne eine Million Flüchtlinge aufnehmen und auch zu seinem Nutzen integrieren, haben dabei nicht einfach ihre Meinung gesagt, betont Ortmann. Denn Zweifel hat einen »performativen Effekt«: Indem er geäußert wird, ist er schon Tatsache. Und kann dann als sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken.

Merkels Entscheidung wurde als Arroganz der Macht wiedergegeben, ihr optimistischer Slogan in eiskalter Verkürzung denunziert und die Kanzlerin der Blauäugigkeit geziehen. Es ist hier daran zu erinnern, was Angela Merkel damals in Wirklichkeit gesagt hat: »Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.«

Dass die Bundeskanzlerin nach diesem Ausspruch kein wirksames Konzept für eine würdige Aufnahme parat hatte und dem Druck der Zweifler so weit nachgeben musste, dass alles nur halbherzig angepackt wurde (was wiederum neue Zweifel weckte), gehört auf die gleiche Rechnung. Die böse Konsequenz einer behaupteten »Unfähigkeit«, die sich durch Lähmung selbst verwirklicht: Wenn die Destruktiven vorherrschen, können wir nie wissen, ob wir es nicht doch »geschafft« hätten, hätten wir es nur ernsthaft versucht.

Natürlich äußern sich in der wirkenden Propagierung des Unvermögens verschiedene, diffuse Interessen. Eines ist der Machterhalt im Ränkespiel der Großkopferten. Zweifel ist zwar, wie ein kluger Kopf dieser Zeitung sagte, eine urdemokratische, machtkontrollierende Emotion. Er ist aber auch ein Machtinstrument: wenn er nämlich von Institutionen oder Personen hoher Autorität vorgebracht wird. Zweifel wird zur Ware; bestimmte Stiftungen, Lobbyisten, konservative Journalisten werden dafür bezahlt. Und nichts ist einfacher, als an niedere Instinkte und Egoismus anzuknüpfen, um Einfluss zu gewinnen. So haben prominente Politiker, gewollt oder ungewollt, deren Beamte, die Claqueure der Ab- und Ausgrenzung Stück für Stück das Zutrauen unterminiert und den Boden für rechtsextremistische Verhaltensweisen bereitet. »Deutschland hat der Welt im Jahre 2015 ein gastfreundliches Gesicht gezeigt; das hat es in den hundert Jahren zuvor nicht oft gegeben«, sagte Ortmann: »Die Parasiten des Zweifels haben daraus eine Grimasse gemacht.«

Es gilt, genau nachzuschauen, wer in welchem Interesse Zweifel schürt, in welche Richtung der Countdown läuft, was er bewirkt und hinterlässt. Ein doppelter Blick. Und da sind wir wieder bei Janus, dem im Altertum nichts Zwiespältiges nachgesagt, sondern der im Gegenteil ganz positiv als ganz besonders umsichtige Gottheit verehrt wurde.