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Der lange Weg aus der Nische

Im deutschen Handball wurden die Frauen zu lange vernachlässigt - EM-Gastgeber Frankreich macht es besser

  • Von Michael Wilkening, Dortmund
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Freude war riesig und die Stimmung beinahe euphorisch. »Damit sichern wir die Stellung als Teamsportart Nummer eins hinter dem Fußball«, reagierte Bob Hanning auf die Meldung, nach der die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten die großen Handballturniere bis ins Jahr 2025 übertragen werden. In den vergangenen Jahren hatte es oft Ärger mit dem Rechtehalter gegeben, sodass die Weltmeisterschaften 2015 im Bezahlfernsehen und 2017 lediglich per Internetstream eines Sponsors zu sehen waren. Die Aufmerksamkeit für Handball ist also durch die Nationalmannschaft gesichert - zumindest für den Männerbereich.

Es sagt viel über den Stellenwert der Frauen aus, dass sie in der Diskussion um mediale Präsenz bei den Verantwortlichen des Deutschen Handballbundes (DHB) fast gar nicht vorkommen. Heute beginnt die Europameisterschaft in Frankreich, am Sonnabend hat die deutsche Mannschaft ihr erstes Gruppenspiel, und erst eine Vereinbarung in letzter Minute sorgte dafür, dass der Spartenkanal Eurosport zumindest die drei Vorrundenduelle im deutschen Fernsehen ausstrahlen wird. Ein Jahr nach der WM im eigenen Land sind die Frauen wieder in ihrer Nische verschwunden, und es wird ein schwieriger Weg, diese wieder zu verlassen.

»Es muss das Ziel des größten Handballnationalverbandes der Welt sein, in der Weltspitze vertreten zu sein«, sagt Henk Groener. Erfolg ist der Schlüssel, um aus dem Schatten der Männer zu treten, und selbst das wäre keine Garantie. Der Niederländer Groener ist seit Beginn des Jahres Trainer der deutschen Frauen und gibt in Frankreich zum ersten Mal mit einer neu formierten Mannschaft ein Zwischenzeugnis seiner Arbeit ab. »Wir haben Fortschritte gemacht«, sagt Groener, für den es am vergangenen Wochenende beim gut besetzten Testturnier in Spanien zwei knappe Niederlagen und einen Sieg gab.

Üben und testen ist wichtig für die Deutschen, doch auch das Kräftemessen der 16 besten Mannschaften des Kontinentes wird noch zur Phase der Entwicklung gehören. Groener hat das Nationalteam seit Amtsantritt umgekrempelt, nur sechs Spielerinnen sind in Frankreich dabei, die vor einem Jahr im WM-Team standen. »Man kann kaum sagen, wie die Mannschaft in der Drucksituation eines Turniers reagiert, viele erleben das zum ersten Mal«, sagt Groener, der die niederländischen Frauen in der Weltspitze etabliert hat. 2015 gewann er WM-Silber. Beim DHB wünschen sich die Verantwortlichen jetzt einen ähnlichen Werdegang.

»Es ist sehr viel Talent in Deutschland vorhanden«, macht der Bundestrainer Hoffnung - allerdings für die Zukunft, nicht schon für die Gegenwart. In den eigenen Elitekader, der den besten Nachwuchsspielern den Weg in die Weltspitze erleichtern soll, nahm der DHB zuletzt zehn weibliche Talente auf - und nur noch sechs männliche.

Offensichtlich ist der Grundstock vorhanden, mit dem Groener arbeiten kann. »Es ist eine Frage der Zeit, daraus etwas aufzubauen und es zu verbinden«, erklärt der Bundestrainer. »Kontinuierliche Arbeit« sei nötig, die in Deutschland inzwischen auch geleistet wird; die Bundesligaklubs professionalisieren langsam ihre Strukturen, damit der Frauenhandball nachhaltig entwickelt werden kann. Doch das ist ein Prozess, der gerade erst begonnen hat.

Ein Jahr nach dem Scheitern bei der Heim-WM im Achtelfinale scheint es nahezu ausgeschlossen, schon in Frankreich ernsthaft bei der Vergabe der Medaillen mitmischen zu können. Vielmehr steht die DHB-Auswahl vor der anspruchsvollen Aufgabe, die Vorrunde zu überstehen. In ihrer Gruppe trifft sie auf Titelverteidiger Norwegen, den EM-Fünften Rumänien und den WM-Viertelfinalisten Tschechien - sie alle landeten bei der WM vor Deutschland. Groener muss mit seiner Mannschaft aber mindestens Gruppendritter werden, um in die Hauptrunde einzuziehen.

Der Auftakt gegen Norwegen am Sonnabend gleicht dabei einer unlösbare Aufgabe, denn die Norwegerinnen dominierten in den vergangenen Jahren ihre Sportart. Weltmeisterinnen 2015, Olympiadritte 2016, Europameisterinnen 2016 und Vizeweltmeisterinnen 2017, weil sie vor einem Jahr das WM-Finale in Deutschland gegen Frankreich verloren. Dennoch ist Norwegen das Team, das es zu schlagen gilt, um Europameister zu werden. Bei den vergangenen acht (!) kontinentalen Meisterschaften standen die Norwegerinnen immer im Endspiel, sechsmal gewannen sie es. Die besten Aussichten, in die Phalanx des Favoriten einzudringen, werden neben Frankreich auch Russland und Schweden eingeräumt.

Es ist aber möglich, dass in Hamburg vor knapp einem Jahr eine Zeitenwende stattgefunden hat und die Französinnen das WM-Finale in der Rückbetrachtung nicht überraschend gegen Norwegen gewannen, sondern damit schlicht eine Wachablösung an der Spitze starteten.

Ähnlich wie die Männer profitieren auch Frankreichs Frauen von einem zentral geförderten System landesweiter Handballleistungszentren. In dieser Form kann keine Nation ähnlicher Größe ihre besten Talente derart gut ausbilden. Mehr als 20 dieser Ausbildungsstätten gibt es, in denen Jungen und Mädchen gleichermaßen gefördert werden. Das führt dazu, dass in Frankreich Jahr für Jahr eine große Anzahl von bestens präparierten Nachwuchsspielerinnen und -spielern in den Klubs der ersten Liga landet.

»Frankreich hat durch sein Ausbildungssystem einen Vorsprung gegenüber allen anderen Nationen«, sagt Nikolaj Jacobsen, Männertrainer bei den Rhein-Neckar Löwen und der dänischen Nationalmannschaft. Während Frankreichs Männer schon mehr als ein Jahrzehnt dominieren, schicken sich die Frauen an, jetzt nachzuziehen. Das Turnier in der Heimat soll den Boom zusätzlich verstärken. »Wir wollen die EM nutzen, um zu wachsen«, sagt der französische Frauentrainer Olivier Krumbholz. Er hat ganz ähnliche Pläne wie Henk Groener mit den deutschen Frauen, nur die Startposition ist eine völlig andere.

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