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Fleiß-Note trübt Bewerbung nicht

Sächsisches Urteil über Kopfnoten facht Debatte über Zensuren für »Sekundärtugenden« an

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

Als 1999 der damalige Kultusminister Matthias Rößler (CDU) in Sachsen die Kopfnoten einführte und sein SPD-Kollege in Brandenburg sekundierte, fragte sich der Publizist Alan Posener in einem Essay, was dahinter stehe: »parteiübergreifende Ostalgie«? Die alte Idee von der Schule als »Untertanenfabrik«? Oder als Reparaturwerkstatt für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensproblemen? Die gebe es, räumte Posener ein. Er warnte aber, die Schule sei »hoffnungslos überfordert, wenn sie kompensieren soll, was Familie und Gesellschaft versäumen«.

20 Jahre später wird über Kopfnoten noch immer gestritten. Christian Piwarz, derzeit Kultusminister in Sachsen, verteidigt sie vehement: In Zeiten von »Werteverfall« und »verbalen Grenzüberschreitungen« habe die Schule »mehr denn je« einen Erziehungsauftrag, sagt der CDU-Mann. Eine Einschätzung sozialer Kompetenzen sei dabei »nicht nur legitim, sondern zwingend notwendig«.

Anlass für Piwarz’ Treueschwur zu den Kopfnoten ist ein Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden, das diese zumindest für bestimmte Zeugnisse verbietet. Geklagt hatte ein Schüler, der sich mit dem Zeugnis der 9. Klasse für eine Lehrstelle bewerben will, sich durch mittelmäßige Kopfnoten aber benachteiligt sieht. Das Gericht gab dem Antrag statt - aus einem eher formalen Grund. Kopfnoten seien ein »wesentlicher Eingriff« in das vom Grundgesetz garantierte Recht der Berufsfreiheit. Über solche Eingriffe müsse das Parlament entscheiden. In Sachsen wurde die Praxis aber vom Ministerium per Verordnung geregelt. Das sei »nicht ausreichend«, urteilte das Gericht. Der Zehntklässler erhält nun zumindest vorläufig ein Zeugnis ohne Kopfnoten.

Mit dem Urteil flammt die Debatte über die Kopfnoten wieder auf, die es bundesweit gibt - und die in anderen Bundesländern in deren Abschaffung mündete. In Nordrhein-Westfalen etwa gab es seit 2007 Kopfnoten. Nach großen Demonstrationen strich man sie 2010. In Bayern wurden Kopfnoten ab 2004 an Grundschulen eingeführt - in sieben Kategorien. 2008 ruderte die CSU zurück. In Hessen wird schon seit 1999 das Arbeits- und das Sozialverhalten bewertet; Brandenburg führte dies 2006 ein, Mecklenburg-Vorpommern 2013. Auch in Sachsen-Anhalt gibt es solche Noten. In Baden-Württemberg, Saarland und Hessen werden Mitarbeit und Verhalten bzw. Betragen benotet.

Sachsen hält weitgehend an den Notenbezeichnungen aus der DDR fest: Ordnung, Betragen, Fleiß, Mitarbeit. Das Ministerium weist darauf hin, dass man unter »Betragen« etwa auch bewertet wissen wolle, wie tolerant und hilfsbereit ein Schüler ist. Sachsens Landesschülerrat hält von einer Benotung dennoch nichts. Zensuren berücksichtigten »Charakter und Persönlichkeit, die familiäre Situation und außerschulische Lebensumstände« nicht ausreichend und vermittelten »ein falsches Bild« über einen Menschen, sagt sein Sprecher Leonard Kühlewind. Die Jusos in Mecklenburg-Vorpommern wetterten einst gar, Kopfnoten führten zu »angepasstem Verhalten« und behinderten so die Charakterentwicklung.

Auch Cornelia Falken, Schulexpertin der LINKEN, sieht die Noten kritisch. So könne Ordnungsverständnis von Kindern nicht ohne Kenntnis dessen bewertet werden, wie Ordnung »im jeweiligen Elternhaus gehalten« werde. Dass Kopfnoten auf einem Abschlusszeugnis gar Entwicklungswege von Schülern blockierten, sei »dramatisch und völlig inakzeptabel«. Roland Ermer, Präsident des Sächsischen Handwerkstages, verteidigte die Noten derweil. Die Bewertung von Sekundärtugenden habe »durchaus Aussagewert« über einen potenziellen Azubi - auch wenn er einräumt, dass der Knoten bei Ehrgeiz und Verlässlichkeit oft erst in der Lehre platze. Die AfD wetterte gegen eine »Kuscheljustiz«, die »Kopfnoten köpft«.

Sachsens Kultusministerium prüft noch, ob es das Urteil vor dem Oberverwaltungsgericht anficht. Alan Posener riet 1999 zu einer anderen Art Prüfung: danach, welche Verhaltensmerkmale einer Gesellschaft wichtig seien. Er hatte auch ein paar Ideen: Weltoffenheit, Fairness, Höflichkeit - oder auch Mut und Humor.

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