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Ein Wortgewaltiger im Elend

Andor Endre Gelléri beeindruckt mit eigentümlicher Poesie

Von Ute Evers

Es ist nicht immer einfach, ein Werk posthum zu erobern, vor allem, wenn sein Autor jung verstorben ist. Dabei war der Ungar Andor Endre Gelléri ein Wortgewaltiger, der von seinem Talent indes nicht leben konnte. Wie viel kostbare Zeit verlor er in profanen Arbeiten - so die erste Reaktion derjenigen Leser, die der sprachlichen Kraft, der Magie der Geschichten verfallen. Andererseits liest sich aus jedem Text heraus: Da ging einer nicht einfach mit dem Spiegel auf dem Rücken durch die Stadt und fing Geschichten ein. Gelléri kannte die Milieus, von denen er erzählt, er lebte in ihnen! Er musste den Geschichten, den Lebensweisheiten nur zuhören, die inmitten des Elends geboren wurden.

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Andor Endre Gelléri: Stromern. A. d. Ung. v. Timea Tankó.
Nachw. v. György Dalos. Guggolz, 280 S., geb., 24 €.

Man liest von Tagelöhnern, Webergesellen, hungrigen kleinen Wölfen, Saufbolden und einsamen Arbeitslosen, Lastarbeitern, die Kisten bis zu »7983 kg« in herrschaftliche Wohnungen schleppen, oder einem Bezirksverwalter, der der Masse, »diesem Pack«, einen Diktator überordnen würde - wenn er könnte, denn auch er ist nur ein kleiner Mann, der Befehle befolgt.

Im Erzählungsband »Stromern« nimmt Gelléri seine Leser in Welten mit, die sie freiwillig wohl nicht betreten würden. Sie erfahren von Menschen, vor denen »der anständige Bürger« aus einer Mischung von Mitleid und Ekel zugleich einen Schritt zurückweicht, wie es etwa in der Erzählung »B« heißt, deren Schauplatz eine Großstadt in Mitteleuropa ist. Der Erzähler benennt sie nicht, überlässt es vielmehr dem »werten Leser«, sich einen Namen auszudenken. Naheliegend, dass er Budapest meint, aber auch möglich, dass er die Geschichten, die er in seinem Umfeld fand, auch in anderen Teilen der Welt zu erahnen glaubte.

Einigen Lebenskünstlern, die durch diese Geschichten ziehen, gelingt es mitunter, sich ein surreales, märchenhaftes Paradies aus dem Müll anderer aufzubauen, den Alltag mit Würde und (Ruinen-)Schönheit auszufüllen. Dennoch fällt die Realität früher oder später über sie her, wie es in der Erzählung »Haus im Gelände« passiert. Von Romantisierung war Gelléri weit entfernt. Viele Geschichten, manche von ihnen mit autobiografischen Zügen, machen explizite Sozialkritik überflüssig. Sie wirken umso tragischer, je selbstverständlicher Gelléri von den menschlichen Nöten und dem wirtschaftlichen Elend erzählt. Dabei spürt er aber auch Geschichten auf, in denen das Leben trotz Armut von Solidarität geprägt ist und Menschen den alltäglichen Demütigungen mit Würde begegnen.

Seiner Sprache haftet eine eigentümliche Poesie an, man liest von traurigen Fenstern, von einem Hobel, der sanftmütig auf der Bank lag, oder von Kellern, deren Elend sich in eine Katze verwandelte, die man streichelte. Mitunter haftet seinen Bildern auch bedrohliche Morbidität an. »Und dunkel sind sie, diese Straßen, dunkel wie der Kummer, der Schatten eines Banditen oder das schwarze Blut toter Rinder.«

Der Höhepunkt von Gelléris Schaffenskraft fiel auf das Ende der 1920er und die 1930er Jahre, »als die tiefgreifende Weltwirtschaftskrise Ungarn erreicht hatte«, erfahren wir aus dem Nachwort des Ungarn György Dalos, der seit vielen Jahren als freier Schriftsteller und Historiker in Berlin lebt. Andor Endre Gelléri gehörte laut Dalos nie zu den gläubigen Juden. 1906 in Ungarn geboren, starb er mit nur 39 Jahren an Flecktyphus; kurze Zeit nach der Befreiung des Lagers Mauthausen, wo er »mit anderen jüdischen Patienten im Gewaltmarsch« hingetrieben wurde. Mit dem Erzählungsband »Stromern« legt der Guggolz Verlag nach dem Roman »Die Großwäscherei« ein zweites Buch von Andor Endre Gelléri vor. Man kann dem Verlag dafür nur danken und wünschen, dass sich viele Leser mit Gelléri auf den Weg machen, um diesen wundersamen Geschichten zuzuhören.