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Ein Treffen großer Geister

Ein Buch über Turgenjews Liebe und über europäische Kultur

Von Irmtraud Gutschke

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, eine Künstlerbiografie, ein Zeitbild: Am 9. November vor 200 Jahren wurde Iwan Turgenjew geboen, was mehreren Verlagen Anlass war, neue Übersetzungen seiner Werke herauszugeben; heute ist eigentlich alles von ihm lieferbar. Auch die Tatsache, wie eng der russische Schriftsteller sein Leben mit der Sängerin Pauline Viardot García verband, dürfte bekannt sein. Doch hörte das Rätseln nicht auf, wie denn diese Beziehung beschaffen war.

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Ursula Keller u. Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot – Eine außergewöhnliche Liebe.
Insel Verlag, 278 S., geb., 25 €.

Sie hatte einer fahrenden Operntruppe angehört, ehe sie mit 18 den 40-jährigen Pariser Theaterdirektor Louis Viardot heiratete. Eine Vernunftehe und dennoch glücklich? Kam Turgenjew von ihr vielleicht deshalb nicht los, weil von ihr keinerlei Bindungswunsch ausging? Diverse Liebschaften gab es ja für ihn immer wieder. Detailliert gehen die beiden Autorinnen auch darauf ein. Aber die Beziehungen kühlten sich ab, sobald der Mann weibliche Heiratswünsche spürte. Turgenjew wollte keine andere Familie als die der Viardots, die zeitweise sogar seine uneheliche Tochter Pelageja bei sich aufnahmen. »Wo sie leben, dort muss ich leben«, erklärte er einem Freund. »Jetzt sind sie in Paris - und ich bin in Paris. Würden sie morgen nach Australien umziehen - würde auch ich nach Australien reisen.«

In Pauline erblickt man eine emanzipierte Frau. Was vielleicht vielen nicht bekannt ist: wie sie und Turgenjew auch im Künstlerischen verbunden waren. »Nicht eine Zeile Turgenjews ist in Druck gegangen, ohne dass ich sie zuvor zu Gesicht bekommen hätte«, soll Pauline einmal scherzhaft gesagt haben. »Ihr Russen wisst gar nicht, dass ihr es mir zu verdanken habt, dass Turgenjew immer noch schreibt und arbeitet.«

Insofern ist das Buch auch eine packende Werkgeschichte, in der man erfährt, wie das Schreiben Turgenjews mit persönlichen Erlebnissen zusammenhing. Mehr noch: Die Geschichte Europas im 19. Jahr-hundert fließt mit ein. Wir blicken auf Russland in Zeiten der Leibeigenschaft, die der Gutsbesitzersohn so sehr verabscheute, dass er immer nur kurze Zeit in der Heimat blieb. Seine Mutter war grausam zu den Leibeigenen. Aber auch den pro forma befreiten Bauern nach 1861 ging es nicht gut, weil sie den Gutsbesitzern das Land abkaufen mussten, also in Abgabenzwang gerieten. Es kam zu Unruhen, zum Staatsterror und zu einer demokratischen Bewegung vor allem unter Intellektuellen. Turgenjew konnte von all dem nicht unberührt bleiben, auch wenn er die meiste Zeit in Westeuropa lebte.

Deutsche und die französische Geschichte geraten ins Bild. Und was vor allem fasziniert: wie Iwan und Pauline sich als Europäer, ja als Weltbürger fühlten. Sie beherrschten mehrere Sprachen, sie reisten (und hatten die Mittel dafür). Ihre Heimat war ein umfassendes Reich der Kultur, das sie mit Künstlern aus verschiedenen Ländern teilten. Wenn man das Buch liest, staunt man, wie viele berühmte Namen im Umfeld Turgenjews auftauchen. Am Schluss des Bandes gibt es ein eng gedrucktes Personenregister von acht Seiten. Sie waren zueinander unterwegs, die Berühmtheiten ihrer Zeit, und sie hatten wohl auch das Bedürfnis, Verbindungen zu pflegen. Kommt es einem nur im Rückblick so vor, dass es eine solche Fülle großer Geister heute nicht mehr gibt? In ihren Kreisen haben sie ein geistiges Europa gelebt, wie wir es uns heute nur wünschen können.

Doch zurück zu den beiden Protagonisten des Buches. Turgenjew mochte starke Frauen, wie er sie in seinen Werken auch oft gestaltet hat. Er kannte sich: »Ich bin nur glücklich, wenn mir eine Frau ihren Absatz ins Genick setzt.« Und Pauline war für ihn »die Königin der Königinnen«.