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Wenn die Dinge selbst ein Tun sind

Philosophie der Praxis: Antonio Labriolas Versuche zu einer materialistischen Geschichtsauffassung wurden von Wolfgang Fritz Haug neu ediert

Von Jan Rehmann

Nach Wolfgang Fritz Haug hätten die 1974 erstmals auf Deutsch erschienenen »Drei Versuche zur materialistischen Geschichtsauffassung« von Antonio Labriola, verfasst zwischen 1895 und 1897, zu einer »veritablen Um-Gründung des Marxismus« führen können - wenn sie vom russischen und damals hegemonialen deutschen Marxismus rezipiert worden wären. Mit Engels stand Labriola von März 1890 bis Juli 1895 in einem Briefwechsel, während dessen das anfängliche Lehrer-Schüler-Verhältnis sich zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe entwickelte. Von Engels erhielt er den Aufsatz »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« mitsamt den angehängten Feuerbachthesen, die bei ihm wie ein Blitz einschlugen. Aus ihnen destillierte er 1897 im dritten Versuch den Begriff einer »Philosophie der Praxis«, durch die sowohl der Idealismus als auch der naturalistische Materialismus überwunden werden sollte.

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Antonio Labriola: Drei Versuche zur materialistischen Geschichtsauffassung.
Karl Dietz, 292 S., br., 29,90 €.

Dass diese Linie nicht zum Zuge kam, bezeichnet Haug als »Labriolas Tragödie«, die derjenigen des Marxismus den Boden bereitete: Der einzige, der mit seiner kritisch-philosophischen Bildung als »kongenial« mit Marx und Engels gelten konnte, wurde von Kautsky geschnitten und aus der Liste der Mitarbeiter in seiner »Neuen Zeit« gestrichen. Und obwohl zum Beispiel Leo Trotzki über Labriola zum Marxismus gelangte, blieb seiner Praxisphilosophie der Zugang zum russischen Marxismus versperrt. An ihre Stelle trat ein »DiaMat«, der in der späteren Sowjetunion zur »Ersten Philosophie« institutionalisiert wurde.

Abgeblockt wurde auch der kritische Ideologiebegriff, den der »letzte wirklich orthodoxe Marxist« (Korsch) von Marx und Engels übernommen hatte. An seine Stelle trat ein »neutraler« Ideologiebegriff als klassenbedingte geistige »Wiederspiegelung« materieller Verhältnisse, der später im »Marxismus-Leninismus« für allgemeingültig erklärt wurde. Im rückständigen und alleingelassenen Sowjetrussland kam schließlich »Herrschen [...] vor Führen, Gewalt rangierte über Konsens, Ideologie über Wissenschaft«, »das Vom-Material-Ausgehen wird zugunsten eines strikt vertikalen Top-down Verfahrens verdrängt«, so Haug. Neu entdeckt wurde Labriola dann vor allem von Antonio Gramsci, der im faschistischen Gefängnis die Notwendigkeit begriff, seine »philosophische Problemstellung zur vorherrschenden zu machen«.

Um die Bedeutung dieses Bindeglieds zu ermessen, ist zu klären, was mit der Philosophie der Praxis auf dem Spiel steht. Nicht aus einer von Menschen unabhängigen »Materie« sollten »Ideen« und Weltanschauungen abgeleitet werden, sondern der Ausgangspunkt für den in den Feuerbachthesen proklamierten »neuen Materialismus« ist, die Wirklichkeit nicht »unter der Form des Objekts oder der Anschauung« zu fassen, sondern als »sinnlich-menschliche Tätigkeit, Praxis« (MEW 3, 5).

Entsprechend setzt Labriolas Philosophie der Praxis an den »praktischen Verhältnissen« an, in denen Denkweisen, Gewohnheiten, Lebensweisen entstehen. Damit ist unter anderem ein Ökonomismus abgewiesen, der die Vielfalt der Geschichte auf ihre wirtschaftliche Basis reduziert. Vonnöten sei unter anderem eine Sozialpsychologie, die die konkreten geistigen Formen der gesellschaftlichen Akteure untersucht. Spezifisch für Labriolas Ansatz ist, dass der Begriff der Praxis außerordentlich weit gefasst ist. Zum einen geht er über die Aktivität menschlicher Akteure hinaus und bezieht (in Vorwegnahme von Ernst Blochs »Naturallianz«) die Naturverhältnisse mit ein: »Im Experimentieren werden wir zu Mitarbeitern der Natur«, und indem wir uns experimentierend den Dingen annähern, entdecken wir, »dass die Dinge selbst ein Tun sind, nämlich ein Sich-Erzeugen«. Zum anderen soll mit dem Praxisbegriff »der übliche Gegensatz zwischen dem Praktischen und dem Theoretischen aufgehoben werden«. Die Gesamtheit der praktischen Verhältnisse, die immer auch geistige Tätigkeiten umfassen, genetisch zu entwickeln, bedeutet für Labriola eine »praktische Umstülpung der Erkenntnistheorie, die dem historischen Materialismus innewohnt«.

Die Philosophie der Praxis ist in den Dingen, über die sie philosophiert, »immanent« und wohnt ihnen als »genetische Methode« inne. Kritik wird zur »Entdeckung der Selbstkritik, die in den Sachen selbst liegt«, und die die Gesellschaft »an sich selbst in der Immanenz ihres eigenen Prozesses übt«. Sobald sie mehr sein will als eine Methode, die Dinge »in der Immanenz ihres eigenen Prozesses« zu untersuchen, fällt sie in Metaphysik zurück. Auch im Marxismus würden Begriffe wie »Bedingungen« oder »Verhältnisse« häufig so verwendet, als hätten sie den Charakter eines »imaginär über uns Stehenden«, während es sich in Wirklichkeit doch um Menschen handelt, die sich »in verschiedenartigen Abhängigkeitsverhältnissen voneinander befinden«. Den Determinismus wird auch Gramsci als »ideologisches Aroma« des Marxismus kritisieren.

Labriola ist einer der wenigen marxistischen Philosophen, der den kritischen Ideologiebegriff von Marx und Engels als entfremdete Praxis- und Denkform beibehält und fortführt. Die marxistische Theorie wird als eine kritische begriffen, die »jede Ideologie« negiert und zu überwinden versucht Zugleich wendet sich Labriola gegen eine Kritik der Ideologie, die diese als bloßen »Schein«, »Kunstgriff«, »reine Illusion« missversteht. Das Wichtige an der Sache sei, dass sich die Geschichte die ideologischen Schleier »selbst umgehängt hat«: Als gewordene seien die Ideologien auch wirklich.

Freilich schützt auch ein kritischer Ideologiebegriff nicht davor, zeitgenössischen Ideologien aufzusitzen. Dies gilt etwa für solche, die man mit Edward Said als »orientalistisch« kennzeichnen muss. Dazu gehören Labriolas Bild der australischen Eingeborenen als »Relikte aus der Vorgeschichte«, unfähig, sich der von den Engländern eingeführten »Zivilisation« anzupassen, seine Beschreibung Vorderasiens und Ägyptens als »erstarrte Masse«, die erst durch ein Protektorat der europäischen Bourgeoisie in Bewegung gebracht werden könnte, das Stereotyp des »atavistischen« Chinas oder des »undurchdringbaren« Afrikas. In solchen Wendungen kündigt sich an, dass Labriola sich beispielsweise 1902 in einem Interview für die koloniale Eroberung Libyens ausspricht, um dort ein »neues Italien« entstehen zu lassen. Dieses Interview wird wiederum Gramsci zum Anlass nehmen, um ihm einen undialektischen »Mechanizismus« und »Evolutionismus« vorzuwerfen.

Haug zufolge traute Labriola sich zu, über die politisch-intellektuellen Mittel zu verfügen, um dem Konflikt um Reformismus und revolutionäre Theorie in der deutschen Sozialdemokratie die Luft aus den Segeln zu nehmen. Hierzu hätte es freilich einer Kultur bei den Intellektuellen des Sozialismus bedurft, die für Labriolas »genetische Methode« und Ideologiekritik aufnahmefähig gewesen wäre. Auch wir bräuchten in den heutigen linken Zerreißproben viele organische Intellektuelle, die praxisphilosophisch gut ausgebildet sind und umsichtig mit Widersprüchen umgehen können.