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Das Ende einer Flucht

Roberto Yánez erzählt von seinem Leben als »Enkel der Honeckers«

Von Gunnar Decker

Das Buch endet mit einem starken Bild: »Der Tod meiner Großmutter war für mich der Fall der Mauer. Am 6. Mai 2016 habe ich die DDR verlassen.« Der Enkel Roberto erzählt - zusammen mit dem Filmemacher Thomas Grimm - nicht nur vom Ende der DDR und einer neuen Existenz in Chile, dem Heimatland seines Vaters, sondern vor allem auch von den verschiedenen Generationen in seiner Familie. Roberto liebte seine Großeltern Erich und Margot Honecker, er fand bei ihnen von früh an mehr Fürsorge und Liebe als bei den eigenen Eltern, deren Ehe schlecht war und schließlich geschieden wurde.

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Roberto Yáñez/ Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers.
Insel Verlag, 255 S., geb., 20 €.

Honeckers Enkel Roberto ist heute 44 Jahre alt, seit 1990 lebt er in Chile, 2013 kam er das erste Mal auf Besuch zurück nach Berlin, wo er aufwuchs - um dann wieder »nach Hause«, wie er sagt, nach Chile zu reisen. Das Ende der DDR traf ihn mitten in der Pubertät - und schleuderte ihn aus allen ihn bis dahin umgebenden sicheren Bahnen in ein Chaos, das er beinahe nicht überlebt hätte. Drogen, Alkohol und eine schwere psychische Erkrankung ließen ihn in seiner zweiten Heimat, die auch eine zweite Fremde geblieben ist, zum Außenseiter ohne Perspektive werden. Was blieb da außer der Straße?

Es war die Großmutter Margot Honecker, die den von jähen Umbrüchen Beschädigten bei sich aufnahm. Gemeinsam lebten sie nun zusammen in ihrem Haus mit einem kleinen Garten. Chilenische Genossen, die oft in der DDR sozialisiert worden waren, gehörten zum Freundeskreis. Insgesamt 23 Jahre währte die Wohngemeinschaft von Großmutter und Enkel, bis zu Margot Honeckers Tod 2016. Sie sorgte für Ordnung im Leben Robertos, versorgte, bevormundete und beschützte ihn - ihretwegen überlebte er. Und doch war, bei aller Trauer, ihr Tod eine Befreiung für ihn, er begriff ihn auch als Chance für einen eigenen Weg. Auch mit den verschiedenen Perspektiven auf die Großeltern kann er nun besser umgehen. Zu Margot Honeckers Tod schickt ihm auch Michelle Bachelet, die Präsidentin Chiles, ein Beileidstelegramm - sie hatte als Tochter von Exilanten an der Humboldt-Universität Medizin studiert und war Kinderärztin geworden.

Nachzulesen ist hier die Chronik eines bis in die Seele des Einzelnen wirkenden gesellschaftlichen Umbruchs, mit allen damit einhergehenden Verletzungen, Krisen, Ab- und Aufbrüchen. Das macht das Buch so wichtig. Interessant hierbei auch die Perspektive der dritten Generation. Eigentlich hatte diese 1990 alles vor sich, besaß sie selbst doch noch keine »belastete« Biografie. Doch Enkel der Honeckers zu sein, erwies sich als schwerere Bürde, als man vermuten könnte. Gab es im geistigen Sinne denn etwas zu erben, fortzusetzen, oder war alles Bisherige bloß falsch und wertlos gewesen? Diese Frage musste nun auch er für sich beantworten.

Der Zusammenbruch des noch unsicheren Weltbildes dieser Generation hat in den 90er Jahren zu vielen - oft gegenläufigen - weltanschaulichen Radikalisierungen geführt. Da ist es aufschlussreich, Robertos Lebenslauf von Anfang an zu verfolgen, wie es dieses Buch unternimmt, das aus Eigen- und Fremdperspektive der beiden Autoren seine innere Spannung bezieht.

Als Robertos Vater aus dem DDR-Exil nach Chile zurückkehrte, begann er bei Null - mit einem Spirituosen-Handel. Auch Chile, so erfährt Roberto, ist ein gespaltenes Land. General Pinochet ist für die einen ein Verbrecher, für die anderen der Retter vor dem Kommunismus. Roberto geht auf die Deutsche Schule in Santiago, das hier gelehrte Geschichtsbild steht dem ihm bisher vermittelten diametral entgegen. »Der Kommunismus ist das Übel, nicht die Erlösung der Welt.« Der Anarchist, der Rebell in ihm ist geweckt - denn hier auf der Deutschen Schule muss er Schuluniform tragen, etwas, das sich nicht einmal DDR-Bildungsministerin Margot Honecker gewagt hätte, auch nur vorzuschlagen. Die Inspektoren, die täglich den Sitz der Uniformen kontrollieren, sind sofort seine natürlichen Feinde.

Freunde aber findet er auch: »Ich wurde gehasst und geliebt in der Deutschen Schule. Meine Freunde waren die verlorene Generation, ›Kinder Pinochets‹, wie man sie hier nennt.« Roberto flüchtet - in Lieder, die er schreibt und zur Gitarre singt, auch in surrealistische Bilder, die er malt. Doch ebenso in Drogen - aus dem entspannenden Kiffen wird bald mehr. Er fühlt sich wie ein Hippie, experimentiert mit Peyote, einer aus Kakteen gewonnene Naturdroge der Indianer - und wird sofort kalt erwischt, fällt ins Koma. Als er im Krankenhaus erwacht, weiß er nicht, wo und wer er ist.

Eine »exogene Psychose« wird diagnostiziert. Er selbst sagt heute: »Die Paranoia der Verfolgung erfasste meinen Körper. Jeder Zeitungsartikel, jede Radio- und Fernsehnachricht über die Großeltern waren Messerstiche gegen die Familie, und bei mir waren sie besonders tief und blutig.« Der Weg zurück ins Leben führte für ihn zum Annehmen der eigenen Familiengeschichte.