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Der reiselustige Papst

Arnold Esch wandert durch historische Landschaften Italiens

Von Harald Loch

Geschichte ist Vergangenheit. Landschaft ist Gegenwart - und birgt doch auch Vergangenes. Kaum ein Land, das dies eindrucksvoller beweist als Italien. Und keiner ist wohl berufener, darüber zu berichten, als Arnold Esch. Er war Professor für Mittelalterliche Geschichte in Bern und über ein Jahrzehnt lang Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Als Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts und der entsprechenden italienischen Akademie hat er eine besondere Beziehung zu Altertümern.

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Arnold Esch: Historische Landschaften Italiens. Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus.
Verlag C.H. Beck, 368 S., geb., . 29,95 €.

Esch beginnt seine Darstellung mit der Schilderung, wie Ruinenlandschaft entsteht. Er beschreibt den Niedergang des antiken römischen Hafens Ostia an der Tibermündung und dessen Konkurrenten Pontus. Hier landeten die Getreidelieferungen aus den Kornkammern rund um das Mittelmeer für die Hauptstadt des Imperium Romanum. Diese zählte damals schon an die 800 000 Einwohner. In Rom blühte der Handel mit Baumaterial, sammelte sich Reichtum aller Art an. Esch bietet plastische Impressionen. Das, was einst war, vermählt sich mit dem, was heute ist. Das betrifft auch das Mittelalter, von dem heute verwaiste Kirchen in Umbrien zeugen, die noch gern als Kulisse für spektakuläre Feste genutzt werden.

Das große, berühmte Rom war nach seiner Blüte in der Antike lange Zeit bedeutungslos und fast entvölkert. Erst mit der italienischen Einigung und der Erhebung Roms zur Hauptstadt Italiens wuchs und prosperierte die Stadt wieder. Auch das im Norden Italiens gelegene Venedig entstand nicht spontan aus dem Nichts, korrigiert Esch einen zählebigen Irrtum. Die Besiedlung der Lagune erfolgte mit der Flucht vor den Langobarden. Wunderbar die Reiseberichte aus dem späten Mittelalter! Lebhaft erzählte beispielsweise der Florentiner Giorgio Gucci seine Jerusalemfahrt 1384. Esch widerlegt des Weiteren überzeugend die Behauptung, die zahlreichen Ausflüge des von 1458 bis 1464 auf dem Heiligen Stuhl sitzenden Papst Pius II. seien am Schreibtisch erfunden worden. Anhand sehr profaner Quellen, wie Kontoauszügen der päpstlichen Verwaltung, wird die Authentizität dieser teils ganz weltlichen Landschaftsbeschreibungen (unter anderem auch aus Ostia) eines vielseitig interessierten Stellvertreter Gottes auf Erden bewiesen. Dem deutschen Schriftsteller und Historiker Ferdinand Adolf Gregorovius, wiederum verdanken wir exakte Berichte aus Italien im 19. Jahrhundert. Esch zitiert dessen bemerkenswerte Beobachtungen im jüdischen Viertel von Rom.

Eschs »Wanderungen« reichen bis ins 20. Jahrhundert hinein und münden in einen Vergleich der Beschreibung der Landschaft um Monte Cassino aus Wehrmachtsberichten während der dort von Januar bis Mai 1944 tobenden Schlacht, eine der längsten und blutigsten des Zweiten Weltkrieges, mit jener in dem Roman »La Ciociara« (dt. »Cesita«) von Alberto Moravia, in dessen Mittelpunkt eine aus Rom geflohene Jüdin steht, die das Gemetzel miterlebte.

Der geografisch-historische Längsschnitt reicht bis zum Arno, ins obere Tibertal, zum Zauberberg in den Monte Sibillini und in die Schluchten des südlichen Etruriens. Der Autor folgt den historischen Wegen des Viehtriebs der Transhumanz (Wanderweidewirtschaft ) zwischen Apulien und den Abruzzen und gelangt schließlich zum sizilianischen Syrakus. Er führt den Leser über antike römische Straßen, in Amphitheater und zu Aquädukten. Die steinernen Zeugnisse einer ruhmreichen oder auch weniger ruhmreichen Vergangenheit, an denen der »Zahn der Zeit« sichtbar genagt hat und die dennoch eine besondere, faszinierende Ästhetik aufweisen, sind wahrhaftig eine Reise wert. Eschs reich bebildertes Buch beschert eine glückliche Auszeit aus stressiger Gegenwart, bietet Entspannung und Spannung.