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Der Alsina-Fluch

Claudia Piñeiro schaut hinter die Kulissen der Politik - nicht nur in Argentinien

Von Irmtraud Gutschke

Wahrscheinlich wird das Publikum in ihrer Heimat den Roman noch ganz anders lesen als wir. Womöglich sind Anspielungen darin zu entdecken, konkrete Personen und Ereignisse wiederzuerkennen, wobei die Autorin wohl eine gewisse Vorsicht walten lassen musste. Wer wirklich hinter die Kulissen des Politikbetriebs leuchten will, begibt sich aufs Glatteis, wahrscheinlich nicht nur in Argentinien.

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Claudia Piñeiro: Der Privatsekretär. Thriller.
A. d. Span. v. Peter Kultzen. Unionsverlag, 315 S., geb., 22 €.

Von einer Partei ist hier die Rede, die »Pragma« heißt, was pragmatisches Vorgehen suggeriert. Ihr durchaus charismatischer Chef Fernando Rovira hat als Bauunternehmer »durch Grundstückspekulation, die Errichtung mehrerer Gated Communitys und die eine oder andere Finanztransaktion … ein gewaltiges Vermögen angehäuft und eines Tages beschlossen, eine eigene Bürgerbewegung zu gründen, ›weil ich genug habe von der Art, wie hierzulande Politik gemacht wird‹«. Politik, wie ein Geschäft betrieben - da fallen einem sofort Parallelen ein.

Der Gouverneursposten in der Provinz Buenos Aires soll das Sprungbrett sein fürs Präsidentenamt. Dabei gibt es allerdings eine Hürde: Auf dem Grundstein der Provinzhauptstadt La Plata lastet ein Fluch, den eine Hexe namens Tolosana ausgesprochen haben soll. Erfindung ist oder nicht, Claudia Piñeiro kam das Mysterium zupass. Das Irrationale, Wahnhafte in der öffentlichen Wahrnehmung wird von ihr natürlich kritisiert und verlacht. Andererseits spielt sie selber damit zum Zwecke spannungsvollen Erzählens.

Ohne den »Alsina-Fluch«, genannt nach Gouverneur Alfonso Alsina, der es nicht auf den Präsidentenposten schaffte und bald einem Nierenleiden erlag, wäre Fernando Rovira nicht auf die Idee gekommen, die Provinz Buenos Aires zu teilen, wäre er am Schluss auch nach La Plata geeilt, um mit seinem abtrünnigen Privatsekretär abzurechnen. Der Roman hätte ein bitteres Ende gefunden; hier aber lesen wir eines voller Humor und können selbst entscheiden, ob wir den Gedanken der Aufklärung siegen lassen oder uns für den Moment dem Märchenhaften ergeben.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Claude Lévi-Strauss aus »Der Zauberer und seine Magie«, das recht detailliert die Bedingungen erklärt, unter denen Magie wirksam werden kann. Auch die Journalistin Valentina Sureda, genannt China, beschäftigt sich mit Lévy-Strauss, mehr aber ist sie von Román Sabaté fasziniert. Der konnte lange nicht verstehen, weshalb Rovira gerade ihn als Privatsekretär so nahe an sich heranließ, und ist schockiert, als es sich ihm enthüllt. Wenn auch vorauszusehen ist, dass er hinter schlimme Machenschaften kommt, weiß man doch eine ganze Weile nicht, hinter welche, während man ihn auf der Flucht beobachtet, zusammen mit einem kleinen Jungen.

Manipulation und Verführung, Karrierismus und Prinzipienlosigkeit würde unsereins ja durchaus auch in hiesiger Politik vermuten. Aber dass ein Politiker einen Sicherheitschef hat, der »die Daumenschrauben« anziehen kann, dass dieser über mafiöse Strukturen gebietet, wir glauben es eher in Bezug auf Lateinamerika. Ein Imageberater, der dem Präsidentschaftsbewerber genau erklärt, mit welchen Tricks er Aufmerksamkeit und Zustimmung bei den Wählern findet? In Trumps Team gab es wohl mehrere davon. Überhaupt fühlt man sich an Trump erinnert. Hinter welchen Politikern noch steht eine Hellseherin, die eher Schlimmes prophezeit? Wobei der Mutter von Fernando Rovira die Gabe zugesprochen wird, Energie ins Gleichgewicht zu bringen oder zu blockieren. Zauberei oder nicht, ihren Sohn zu heilen - von einer Peinlichkeit, die hier ein Geheimnis bleiben soll, ist sie allerdings nicht imstande. Eine milde Person auf den ersten Blick, wie hart und skrupellos sie ist, scheint sie nicht einmal selbst zu durchschauen.

Auftragsmord und Hexerei, Meinungsmanipulation im Fernsehen und brutale Marketingmethoden auf dem Buchmarkt, Machtbesessenheit und Geldgier treffen im Roman auf Vaterliebe und Aufrichtigkeit. Aber in der Realität, das ist einem beim Lesen klar, ist mitnichten ausgemacht, dass die Gutherzigen triumphieren.