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An den Haaren herbeigezogen

Die »Kritik« an einer Broschüre offenbart, wie gut rechte Desinformation funktioniert

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.

»Nun lädt das Mädchen mehrere andere Kinder aus der Kita zum Kindergeburtstag ein. Einige Eltern, deren Kinder eingeladen sind, wissen um die Zugehörigkeit der Eltern in einer rechtsextremen Kameradschaft und machen sich Sorgen, was auf dem Kindergeburtstag passieren könnte. Gleichzeitig möchten sie ihren Kindern nicht so einfach die Teilnahme und damit auch die Möglichkeit zur Freundschaft mit dem Mädchen verbieten. Sie bitten die Erzieher*innen um Rat.« Diese Sätze sind entscheidend. Zu lesen sind sie aber nur in der Broschüre »Ene, mene muh - und raus bist du! Ungleichwertigkeit und frühkindliche Pädagogik« der Amadeu Antonio Stiftung. Von den sogenannten Kritikern der Broschüre - rechte Blogs, »Bild« und CDU-Bundespolitiker, um drei zu nennen - werden sie nicht erwähnt. Denn nur ohne sie funktioniert das, was als Kritik daherkommen soll: eine Erzählung über linke Schnüffelei, staatlich finanzierte Stasi-Methoden und Umerziehung.

Zusammengefasst geht diese rechte Erzählung so: Die Amadeu Antonio Stiftung leitet und stiftet Erzieher und Erzieherinnen an, über die zu betreuenden Kinder die Gesinnung im Elternhaus auszuspionieren und im Anschluss Umerziehungsmaßnahmen durchzuführen. Besonders ein Beispiel in der knapp 60 Seiten starken Publikation, für die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) das Geleitwort verfasst hat, beschäftigt die »Kritiker«. Der »Fall I.3: ›Kinder aus völkischen Elternhäusern‹« beschreibt ein Szenario, in dem es um »zwei Geschwister« geht, beide »besonders zurückhaltend« und wenig von zu Hause erzählend. »Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe, es wird zu Hause zu Haus- und Handarbeiten angeleitet, der Junge wird stark körperlich gefordert und gedrillt. Beide kommen häufig am Morgen in die Einrichtung, nachdem sie bereits einen 1,5-km-Lauf absolviert haben.«

An dieser Stelle endet aber im rechten Diskurs die Geschichte. Die eingangs zitierten Sätze werden unterschlagen. So werden ein konkretes Fallbeispiel, in dem es um bekanntermaßen rechtsextreme Eltern geht (»Einige Eltern, deren Kinder eingeladen sind, wissen um die Zugehörigkeit der Eltern in einer rechtsextremen Kameradschaft und machen sich Sorgen.«) und die konkrete Elternfrage (»Sie bitten die Erzieher*innen um Rat.«) zu einer allgemeinen Anleitung für Kitapersonal, nach kleinen Mädchen mit Kleidchen und Zöpfen Ausschau zu halten, um deren Eltern als Nazis zu identifizieren. Diese durch rechte Blogs in die Welt gesetzte Räuberpistole fand ihren Weg in den Boulevard und wurde durch »warnende« Äußerungen vermeintlich seriöser Politiker wie etwa Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) als real geadelt.

Mit den leider üblich gewordenen Folgen. So sieht sich die Stiftung laut ARD-Faktenfinder massiven Drohungen und Anfeindungen in Hunderten Anrufen und Mails ausgesetzt. Auf ihrer Homepage greift die Stiftung die Vorhaltungen am Beispiel der »Bild«-Berichterstattung auf und versucht diesen, den nicht absichtlich verstümmelten Inhalt der Broschüre entgegenzuhalten. Auch Giffey, aufgrund ihres Geleitwortes »in der Kritik«, betont, es gehe nicht um Kontrolle, »sondern darum, eine Erziehungspartnerschaft auch mit völkisch lebenden Familien einzugehen, die im Sinne der Bildungschancen ihrer Kinder ist«. Im Gegensatz zu einer vermeintlichen Schnüffelanleitung ist dies tatsächlich Teil der Handlungsempfehlung in der Broschüre. »In der konkreten Situation ist es hilfreich, die Eltern zum persönlichen Gespräch in die Kita einzuladen. Hierbei sollte es um die bestmögliche Unterstützung der Kinder gehen - ausgehend davon, dass fast alle Eltern ein gutes und bildungserfolgreiches Aufwachsen ihrer Kinder wünschen.« Besonders betont wird auch: »Das Elternrecht auf Pflege und Erziehung der Kinder ist ein hohes Gut in unserem Grundgesetz.« Und: »Eine Ausgrenzung der betroffenen Kinder ist keine Lösung und ist keinesfalls anzustreben.« Damit lässt sich aber eben keine Empörungswelle lostreten.

Lesen Sie die Broschüre selbst unter: dasND.de/zoepfe

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