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Das Geheimnis der Wiederbegrünung

Die Grünen profitieren von dem Aufstieg der AfD, denn sie inszeniert sich als moralische Antithese der Rechtspartei

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Neulich in der Ortsbeiratssitzung in Frankfurt: Die Grünen gaben eine Erklärung ab. In der vorigen Sitzung habe die Fraktion Bürger für Frankfurt (BFF) einen Antrag zur Errichtung eines Heidi-Denkmals eingereicht. SPD, CDU und FDP hätten diesen sinnbefreiten Antrag abgenickt und damit gemeinsame Sache mit den Rechtsextremen gemacht. Denn die BFF, so führte der Erklärende aus, stehe der AfD nahe. Der Fraktionschef der BFF sei nämlich bei der Landtagswahl in Hessen für die AfD angetreten. Danach gab es ein bisschen Tumult, der FDP-Mann wies das energisch zurück, der Ortsvorsteher stellte klar, dass eine solche Erklärung in schriftlicher Form nachzureichen sei. Die beiden Grünen, insbesondere der, der sein Namensschild durch eines eigener Machart ersetzt hatte, auf dem sein Name doppelt so groß angebracht war wie auf den Aufstellern, die üblicherweise vor den Ortsbereitsmitgliedern drapiert werden, schien sehr zufrieden mit der Aktion zu sein.

Gleichfalls die Delegierte von ÖkoLinX, hinter der wir als Zuhörer saßen. Als der empörte Grüne die BFF ganz ungeniert als rechtsextrem titulierte und ich für die junge Frau hörbar »Meine Fresse!« flüsterte, nicht, weil ich die BFF so spannend finde, sondern eher, weil man mit der Verteilung gewisser Attribute etwas zurückhaltender umgehen sollte, drehte sich die junge Frau brüskiert um. Hat man ihr also ein rechtes Pärchen ins Genick gesetzt, schien sie sich zu fragen. Im Nachgang guckte sie noch öfter mit funkelnden Augen in unsere Richtung. Ich grinste ihr mit leeren Augen debil ins moralinverhärmte Gesicht. Für diese Person waren wir offenbar Faschisten. Womöglich fand sie es gut, dass wir vorzeitig abzogen, rechten Leuten wie uns sollte man schließlich demokratische Teilhabe verbieten.

Die Grünen indes hatten bei der letzten Sitzung vergessen, etwas gegen den ominösen Heidi-Antrag zu sagen. Er ging offenbar unter, was in der Erklärung des Grünen nicht erwähnt wurde. Erst jetzt, einen Monat später, fand man eine Haltung dazu. Dass der Antrag sinnbefreit war, wie das die städtischen Grünen anklingen ließen, muss man nicht zwangsläufig so sehen. Sicher ist es nicht von großer Dimension, wenn jemand ein Denkmal von Heidi errichten möchte, weil die als Figur im Roman von Johanna Spyri nach Frankfurt, ins Haus der Familie Sesemann verbracht wurde. Allerdings haben alle Fraktionen immer wieder Anträge im Repertoire, die keine hohe Priorität aufweisen oder aber aus der Zeit gefallen scheinen. Ein Spezialität scheint zu sein, an Texten für Erinnerungstafeln zu feilen, die man hie oder dort anbringen möchte. Als beobachtender Bürger ist man bass erstaunt, wie sehr die Textgestaltung die Fraktionen zuweilen beschäftigt.

Warum ich so ausführlich davon berichte? Was die hiesigen Grünen auf der kleinen politischen Ebene vollbrachten, ist im Grunde das ganze Geheimnis der Wiederbegrünung des politischen Alltages in Deutschland. Die Grünen sind inhaltlich schwach aufgestellt, sie bedienen ein urbanes liberales Publikum, das irgendwie gesund und bio leben will, aber gleichzeitig viel jettet und urlaubt. Die Bedienung dieser Klientel hat sie mit Moralin durchbrochen - und das gelang mit freundlicher Hilfe eines politischen Gegenspielers, dessen Antithese man mimt: der AfD.

Eigentlich ist es nämlich so: Die Grünen haben ein existenzielles Interesse daran, dass die AfD nicht politisch oder thematisch bekämpft wird und dass sie eine gewisse Größe beibehält. Denn sie ist schließlich dafür verantwortlich, dass man ohne inhaltliche Weichenstellungen, nur mit einem reinen Image- und Moraldiskurs zu einer neuen Volkspartei heranwächst.

So wie es die kommunalen Grünen im Ortsbeirat halten, deichseln es auch die Grünen in Bund und Ländern. Sie tragen eine angebotsorientierte Wirtschaftsstrategie mit, entkräften das politische Primat und sprechen ausschließlich einen guten Lifestyle an, klammern aber aus, dass dazu auch die passenden Strukturen geschaffen werden müssen. Die hessischen Grünen haben keine Antworten auf Fluglärm, Mietwucher und einen Nahverkehr, der in etwa das Verkehrsaufkommen der Achtziger abwickelt - aber dass sie das Pendant zur AfD sind, damit punkteten auch sie bei der zurückliegenden Landtagswahl.

Der grüne Delegierte, der hochtrabend seinem Gewissen Luft verschaffte und gleich mal allen anderen Fraktionen eine Nähe zum Rechtsextremismus rückte, weil er sich damit ein Alleinstellungsmerkmal ausstellte, saß übrigens gleich neben dem Mann der BFF. Er muss nun hoffen, dass der da möglichst lange neben ihm hocken bleibt. Die Grünen haben durch die AfD einen neuen Sinn im politischen Leben gefunden. Tragisch, dass sie offenbar sonst nichts haben. Und tragisch, dass das zuweilen so schlecht erkannt wird.

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